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Von Tag zu Tag – Heute vor 100 Jahren

1. Jänner 1919

Männer in Frauenkleidung: Erzherzog Ludwig Viktor, genannt "Luzivuzi", mit Freunden, vor 1919
Männer in Frauenkleidung: Erzherzog Ludwig Viktor, genannt "Luzivuzi" (ganz rechts), mit Freunden, vor 1919; © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv

In der Silvesternacht auf den 1. Jänner 1919 fand in einem kleinen, nicht konzessionierten Kelleretablissement in der Wiener Sechsschimmelgasse auf Einladung der beiden "Damenimitatoren" Karl Peham, der auch als 'Die Karoline' bekannt war, und Jakob Eigner, das 'Nadelmadel', ein Silvesterfest statt, an dem etwa 100 Herren teilnahmen. Da Homosexualität damals unter Strafe stand kam es zum Einschreiten der Polizei:

"Vor kurzer Zeit gelangte das Sicherheitsbureau zur Kenntnis, daß im Café Hager, Alsergrund, Sechsschimmelgasse 23, an mehreren Tagen der Woche gesellige Veranstaltungen Homosexueller veranstaltet werden, bei denen einzelne Teilnehmer in Damenkostümen obszöne Lieder zum Vortrage brächten und bei denen auch sonstiger Unfug getrieben werde [...] Das Sicherheitsbureau ließ all diese vertraulichen Mitteilungen überprüfen, ehe es sich zum Einschreiten entschloß. Die Erhebungen bestätigen die Mitteilungen vollinhaltlich und in der Silvesternacht, in der im betreffenden Kaffeehause eine 'große Silvesterfeier' angekündigt war, entschloß man sich zum Handeln [...] Das Erscheinen der behördlichen Organe löste einen ziemlichen Tumult aus. Viele wandten sich zur Flucht. Im ganzen soll es nur neun Personen gelungen sein, zu entkommen. Die ganze übrige Gesellschaft, etwa hundert Personen, durchaus Männer mit alleiniger Ausnahme eines Mädchens, wurde stellig gemacht. Zehn der Besucher waren in eleganten Damenkostümen erschienen. Ein Teil der angehaltenen Burschen steht als homosexuell veranlagt in der Evidenz der Polizeibehörde. Das einzige Mädchen, das anwesend war, hatte die Uniform eines Gefreiten angelegt."

Der Prozess gegen die Silvestergesellschaft fand im April 1919 statt und endete mit einem Freispruch für alle Angeklagten, da das Fest einen "streng geschlossenen Charakter hatte" und nur geladenen Gästen Zutritt gewährt worden war. Homosexualität zwischen Erwachsenen wurde in Österreich erst 1971 im Rahmen der "Kleinen Strafrechtsreform" unter Bundeskanzler Bruno Kreisky und dessen Justizminister Christian Broda entkriminalisiert.

Links:
Eine "verrückte" Silvesterfeier (Die Neue Zeitung vom 2. Jänner 1919)
"Karoline" und "Nadelmadel". Die Sylvesterfeier der Homosexuellen (Illustrierte Kronen-Zeitung vom 30. April 1919)
Weiterlesen: Familien- und Strafrechtsreform der 1970er Jahre (Österreichische Mediathek, Text- und Tondokumente)

31. Dezember 1918

Die Karikatur "Unser Neujahrswunsch für 1919" nimmt Bezug auf die Hungersnot der unmittelbaren Nachkriegszeit 1918
"Unser Neujahrswunsch für 1919" nimmt Bezug auf die Hungersnot der unmittelbaren Nachkriegszeit; © Wiener Bilder vom 29. Dezember 1918

Ende 1918 befand sich der ehemalige österreichisch-ungarische Kaiser und König Karl unter Bewachung im niederösterreichischen Eckartsau, der abgedankte deutsche Kaiser Wilhelm lebte bereits im Exil in den Niederlanden, während die Bevölkerung der ehemaligen Mittelmächte von einer Hungersnot bedroht waren. Bissig und satirisch kündigte die Arbeiter-Zeitung am 31. Dezember 1918 deshalb das neue Jahr an:

"Somit hat die große Zeit ihren kalendarischen Abschluß gefunden. Im neuen Jahre werden die Tage in schlichtem Bürgerkleid regelrecht nacheinanderfolgen und nicht mehr Schulter an Schulter 'Marsch eins' klopfen. Die Nächte werden kein Vorwand mehr sein für Schleichpatrouillen und Trommelfeuereröffnung, sondern brave Nächte, in denen alle mit sanften Ruhekissen Begabten werden schlummern dürfen. Die Jahreszeiten sind keine militärischen Einrichtungen mehr, sondern redliche Jahreszeiten: der Frühling keine Offensive, der Herbst kein strategischer Rückzug. Die Morgenstunde ist keine 'Tagwach'' mehr. Die Abendstunden werden nicht mehr zur Ausgabe von Kriegsberichten verwendet. Mond und Sterne werden in ihre alten Rechte eingesetzt und haben die schmutzige Konkurrenz von Leuchtraketen und Scheinwerfern nicht mehr zu befürchten. Sonnenaufgang und Untergang sind wieder Naturerscheinungen und keine beliebten Wendungen mehr in Berichten gut honorierter Kriegsberichterstatter. Dementsprechende Änderungen gehen auch auf Erden vor. So sind Flüsse, Seen, Wälder, Berge und Hügel keine 'Hindernisse', Deckungen oder gar 'Objekte' mehr. Die Vöglein im Walde werden ihren alten Obliegenheiten wieder nachfliegen und nicht mehr den Text abgeben für das Brüllen bis zur Stupidität exerzierter Menschen-'Rottenpaare'. Die Felder heißen nicht mehr Schlachtfelder oder Felder der Ehre, sondern Felder der Aehre und liefern Brotfrucht bei guter Bestellung durch diejenigen heimgekehrten Bauern, die nicht das Glück hatten, Herz und Hand fürs Vaterland zu brechen. Besagte Landleute sind zwar nicht verpflichtet, aber berechtigt, den Rock des Kaisers als Vogelscheuche zu benützen, damit er – das heißt der Rock, nicht der Kaiser – unter Aehren bleibe, wenn schon – das andere nicht mehr möglich ist. Unter solchen Umständen ist es natürlich, daß es keinen 'Brotfrieden' mehr geben wird, sondern Friedensbrot, was bedeutend nahrhafter sein soll [...] Dagegen bleibt uns für das neue Jahr eine große Freude ausgespart: der liebe Gott ist nämlich der 'Okkupation', 'Annexion' und 'Einverleibung' durch die pleite gegangene Welteroberungsfirma 'Wilhelm, Reichspost und Komp.' glücklich entronnen und lebt gegenwärtig in Frankreich vermutlich viel besser als in Eckartsau oder Holland. Alles in allem dürfte die Zukunftsmusik des neuen Jahres nur durch das Wutgeheul einiger traditioneller Grubenhunde in ihrer Harmonie gestört werden..."

Links:
Astronomisches zum Jahre 1919 (Arbeiter-Zeitung vom 31. Dezember 1918)
Heute vor 100 Jahren: Der Brotfrieden von Brest-Litowsk (15. Februar 1918)

30. Dezember 1918

Schweizer Lebensmittelzug 1918; © Illustrierte Kronen-Zeitung vom 30. Dezember 1918

Hunger und Lebensmittelmangel gehörten in in der jungen Republik auch nach dem Ersten Weltkrieg zum Alltag. Besonders die Städte, allen voran Wien, waren von einer Hungerskatastrophe bedroht, die ohne ausländische Hilfe nicht zu bewältigen war. Schon unmittelbar nach Kriegsende kam es deshalb zu Hilfslieferungen durch der Entente-Mächte. Auch die neutrale Schweiz half, sodass die erste schweizerische Lebensmittellieferung Österreich bereits Ende Dezember 1918 erreichte. Die Illustrierte Kronen-Zeitung berichtete am 30. Dezember 1918:

"Es handelt sich bei diesem Transport um etwa 110 Waggons, die in mehrere Züge geteilt werden, um die Fahrzeit nach Tunlichkeit abkürzen zu können. Es kommen 60 Waggons Mehl, 40 Waggons Reis, 8 Waggons Fett, 6 Waggons Kondensmilch und Schokolade […] In der Schweiz werden augenblicklich zwei Aktionen zur Beschaffung von Lebensmitteln betrieben: eine des deutschösterreichischen Staatsrates und eine besondere der Gemeinde Wien. Die jetzt erwartete Sendung dürfte ausschließlich der Gemeinde Wien gehören und auch nur hier zur Verteilung kommen, während die Bemühungen des Staatsrates in einem viel größeren Rahmen gehalten sind mit der Absicht, die eingeführten Waren zunächst nicht zu verteilen, sondern zur Ansammlung von Vorräten zu benützen, um so eine eiserne Reserve zu schaffen. Der Bürgermeister hat den Magistrat bereits beauftragt, schleunigst Vorschläge über die Verteilung zu erstatten. In allererster Reihe werden aus diesen ersten Friedenslebensmittelzügen die Spitäler und Versorgungshäuser bedacht sowie die Kinder versorgt werden. Das sind die Teile der Bevölkerung die am meisten gelitten haben und wo auch schon mit verhältnismäßig geringen Mengen sehr wesentliche Arbeit geleistet werden kann. Später kämen die Mindest- und dann die Minderbemittelten an die Reihe. Dies wird natürlich erst möglich sein, wenn die Sendungen von der Entente wiederholt und regelmäßig und daher in größeren Mengen einlaufen."

1919 entschloss sich die Gemeinde Wien aus Dankbarkeit gegenüber der Schweiz den 1904 angelegten Maria-Josefa-Park im Wiener Gemeindebezirk Landstraße in Schweizergarten umzubenennen. Heute befindet sich im Schweizergarten auch das Staatsgründungsdenkmal der 1945 gegründeten Zweiten Republik, das am 25. Oktober 1966, enthüllt wurde.

Link:
Der erste Lebensmittelzug aus der Schweiz (Illustrierte Kronen-Zeitung vom 30. Dezember 1918) 

29. Dezember 1918

Wiener Typen: Schusterbub im Jahr 1886
Wiener Typen: Schusterbub, 1886; © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv

Am 29. Dezember 1918 berichtete die Illustrierte Kronenzeitung über das neue Kinderarbeitsgesetz, das bereits in den letzten Tagen der Monarchie durch das im Spätsommer 1918 errichtete Sozialministerium verschärft worden war:

"Danach dürfen Knaben und Mädchen vor dem vollendeten 14. Lebensjahr nur insoweit verwendet oder sonst beschäftigt werden, als sie dadurch in ihrer Gesundheit nicht geschädigt, in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung oder in ihrer Sittlichkeit nicht gefährdet und in der Erfüllung ihrer Schulpflicht nicht behindert werden. Die Verwendung von Kindern vor dem vollendeten 12. Lebensjahr ist verboten. Nur in der Landwirtschaft und im Haushalt dürfen Kinder schon nach dem vollendeten 10. Lebensjahr zu leichten Arbeiten verwendet werden. Im Betriebe des Gast- und Schankgewerbe dürfen Kinder nicht bei dem Anfüllen der Getränke und bei der Bedienung der Gäste verwendet werden. Bei öffentlichen Schaustellungen und Aufführungen dürfen Kinder weder verwendet noch sonst beschäftigt werden. Wer Kinder beschäftigt, hat für jedes Kind eine besondere Arbeitskarte zu verlangen. Die Verwendung der Kinder in der Zeit zwischen 8 Uhr abends und 7 Uhr morgens ist verboten. In der Landwirtschaft und im Haushalt ist den Kindern während der Nachtzeit eine ununterbrochene Ruhe von 10 Stunden im Winter und 8 Stunden im Sommer zu gewähren."

Erste Maßnahmen, um Kinder einigermaßen vor Arbeitsausbeutung zu schützen, wurden in der Monarchie im Jahr 1842 mit einem Hofkanzleidekret gesetzt: Von nun an durften Kinder – mit wenigen Ausnahmen – erst ab dem vollendeten 12. Lebensjahr einer regelmäßigen Arbeitstätigkeit nachgehen. Die maximale Arbeitszeit betrug bis zum 16. Lebensjahr 12 Stunden, Nachtarbeit wurde verboten.

Heute wird Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen im "Kinder- und Jugendlichen-Beschäftigungsgesetz" von 1987 geregelt.

Links:
Das Gesetz über die Kinderarbeit (Illustrierte Kronen-Zeitung vom 29. November 1918)
Heute vor 100 Jahren: Das Sozialministerium nimmt seine Arbeit auf (10. August 1918)
Weiterlesen: Kinder- und Jugendlichen-Beschäftigungsgesetz 1987 
Weiterlesen: Geschichte der Kinderarbeit

28. Dezember 1918

"Pisnen", auch als "Schappen" bezeichnet, in Seeboden am Millstätter See, Kärnten
"Pisnen", auch als "Schappen" bezeichnet, in Seeboden am Millstätter See, Kärnten: Ankündigung einer Veranstaltung mit "Pisnakindern" und Musik am 28. Dezember 2018 um 17 Uhr am Dorfplatz; © www.millstaettersee.com (https://tinyurl.com/ydb9jqjw)

Die in Klagenfurt erscheinenden Freien Stimmen zogen 28. Dezember 1918, dem "Tag der unschuldigen Kinder", an dem des biblischen Kindermordes in Bethlehem gedacht wird, Parallelen zwischen dem Kindermord des König Herodes und der kriegsbedingten Hungersnot der Kinder in den besiegten Staaten:

"Dieser Tag. welcher alle Jahre zur Erinnerung an den Kindermord in Bethlehem wiederkehrt, ist doch im Vergleich zu dem großen Kindermord, welcher nun vor aller Augen in Mitteleuropa im 20. Jahrhundert durchgeführt wird, als eine Kleinigkeit zu bezeichnen. Tausende und aber Tausende von unschuldigen Kindern werden durch die eingerissene MiIchnot hingemordet. Und wer trägt die Schuld daran? In erster Linie wohl diejenigen, welche diesen unglücklichen Weltkrieg und die damit verbundene Hungerblockade gemacht haben, und an dessen Folgen nun die Menschheit so furchtbar leiden muß. Aber auch jene sind von der schweren Schuld an dem traurigen Kindersterben nicht freizusprechen, welche mit kaltem Blute herzlos die durch Krieg und Hungerblockade geschaffenen Verhältnisse zu ihrem Nutzen auszunützen verstehen und keine Rücksicht auf ihre ärmeren Mitmenschen nehmen. Darum wird der ‚Unschuldige Kindertag‘ für alle Zeiten ein Schandmal sein für menschliche Selbstsucht, welche selbst die bittere Not hungernder Kinder nicht rühren und zu bessern vermochte."

Am 28. Dezember wird alljährlich im südlichen Kärnten, der Südsteiermark, im südlichen Burgenland und im heutigen Slowenien der Brauch des "Schappens" durchgeführt, der auch als "Frisch und G'sund" oder "Pisnen" bezeichnet wird. Der Brauch wurde zum ersten Mal um das Jahr 500 in einem nordafrikanischen liturgischen Kalender erwähnt und wird in Gedenken an den biblischen Kindermord von König Herodes in Betlehem begangen. Die christliche Kirche betrachtet die ermordeten Kinder als „Erstlingsmärtyrer“, denen am 28. Dezember, dem „Tag der unschuldigen Kinder“, gedacht werden soll.

Der "Tag der unschuldigen Kinder" wurde ursprünglich als Narrenfest begangen: Geistliche verkleideten sich, sangen, tanzten, spielten Karten, genossen Festspeisen und zogen in Umzügen durch Stadt und Land. Aus den Reihen der Kinder wurden Narrenbischöfe gewählt, denen sich einen Tag lang auch die eigentlichen Bischöfe unterordnen mussten; Kinder durften Erwachsene als symbollsche Bestrafung König Herodes mit Ruten schlugen und Lösegeld verlangen.

Weil der "Tag der unschuldigen Kinder" als Narrenfest gefeiert wurde, versuchte die Kirchenführung den Brauch zu verbieten, was aber erst im Zuge der Reformation beziehungsweise der darauffolgenden Gegenreformation weitgehend gelang. Bis heute ziehen deshalb nur mehr in wenigen Gebieten Kinder am 28. Dezember mit Ruten durch die Straßen um Erwachsene zu "schappen". In Kärnten wird mit einem Tannenzweig "geschappt" beziehungsweise "gepisnet". Meistens wird dazu folgender Vers aufgesagt:

"Frisch und Gsund; Frisch und Gsund;
Lang Leben und Gsund bleiben;
Nix glunzn;
Nix klogen;
Bis i wieder kum schlogen."

Von den "geschappten" Erwachsenen, denen das "Schappen" Glück für das kommende Jahr bringen soll, erhalten die Kinder Süßigkeiten und einen kleinen Geldbetrag.

Links:
Unschuldiger Kindertag (Freie Stimmen vom 28. Dezember 1918)
Weiterlesen: Unschuldige Kinder

27. Dezember 1918

K.k. Artilleriekadettenschule in Traiskirchen 1918: Turnstunde eines jüngeren Jahrgangs im Freien
K.k. Artilleriekadettenschule in Traiskirchen im Sommer 1918: Turnstunde eines jüngeren Jahrgangs im Freien; © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv

Die Ausrufung der Republik Deutschösterreich hatte auch auf das viel zu umfangreiche Militär der ehemaligen Großmacht einschneidende Auswirkungen, wie Die Neue Freie Presse am 27. Dezember 1918 in Bezug auf geplante Restrukturierungsnaßnahmen in Militärbildungsanstalten berichtete:

"Für die Akademiker des ersten und zweiten Jahrganges und die Kadettenschüler des höchsten Jahrganges wurde in der bisherigen Infanteriekadettenschule in Breitensee ein Vorbereitungskurs zur Realschulreifeprüfung mit militärischem Internat eingerichtet. Hiezu würden vom Staatsamte für Unterricht eine Anzahl bewährter Schulmänner, aus den Kreisen der Wiener Mittelschulprofessoren herangezogen und mit der Aufgabe betraut, die bisherigen Militärschüler in intensivem Unterrichtsbetriebe noch im Laufe dieses Schuljahres für die Ablegung der Realschulreifeprüfung (mit einigen Erleichterungen) vorzubereiten. Für jene Militärakademiker, welche bereits aus eigenem Fleiße neben ihrer bisherigen militärischen Ausbildung die Reifeprüfung abgelegt haben, wurde dadurch vorgesorgt, daß an der ehemaligen Landwehrakademie in Wien für das laufende Schuljahr ein Studentenheim errichtet wurde, in welchem 180 der bedürftigsten und würdigsten Militärakademiker Aufnahme und Verpflegung finden. Schwieriger war die Frage der Ueberführung der früheren Kadettenschüler des ersten bis dritten Jahrganges, deren wissenschaftliche Vorbildung nicht zureichend ist, um ihren direkten Uebertritt in zivile Lehranstalten zulassen zu können. Für sie wurde in der Weise vorgesorgt, daß sie, wie in der ehemaligen Technischen Militärakademie in Mödling und in der bisherigen Infanteriekadettenschule in Graz, in Internaten gesammelt und von Zivilprofessoren unterrichtet, in die Lage versetzt werden, mit Beginn des nächsten Schuljahres ihren Uebertritt in Zivilschulen durchzuführen."

Vor 1918 konnten Kinder bereits ab dem Volksschulalter eine militärische Laufbahn einschlagen und ab dem 7. Lebensjahr sogenannte Militär-Untererziehungshäuser besuchen, ab dem 11. Lebensjahr die Kadetteninstitute, um die Ausbildung an der Militärakademie abzuschließen. Da der Bedarf an Militärpersonal in der jungen Republik wesentlich geringer war als in der Monarchie, musste nach Möglichkeiten gesucht werden, in Ausbildung befindliche Militärschüler in zivile Bereiche umzuleiten.

Erst während der Dollfuß-Schuschnigg Diktatur griff man die Tradition der ehemaligen Kadettenschulen mit der Gründung einer Militärmittelschule in Graz-Liebenau im Jahr 1936 wieder auf. In der Zweiten Republik fand die Offiziersausbildung ursprünglich in der Heeresschule in Enns statt, und seit 1958 in der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt. Der an die Tradition der ehemaligen Kadettenschulen erinnernde Schulbetrieb am Wiener Neustädter Militärrealgymnasium wurde im Juni 2018 endgültig eingestellt.

Links:
Die Zukunft der Militärbildungsanstalten (Neue Freie Presse vom 27. Dezember 1918)
Weiterlesen: Website des im Juni 2018 geschlossenen Wiener Neustädter Militärrealgymnasiums

26. Dezember 1918

Karikatur aus 1918: Erster Weltkriegs Heimkehrer aus Russland 1980
"Wann ma no a Kaisertum hätten, kunnten ma jetzt wenigstens zu der Fuaßwaschung gehn. Aso hamma an Dreck." Zeichnung von Karl Alexander Wilke; © Die Muskete vom 26. Dezember 1918

In der humoristischen Wochenschrift Die Muskete erschien am 26. Dezember eine Karikatur Karl Alexander Wilkes, der österreichische Weltkriegsheimkehrer mehr als 60 Jahre nach dem Waffenstillstand von 1918 im Jahr 1980 zeichnete. Die "Fußwaschung", auf die sich die verarmten und zerlumpten Soldaten beziehen, war eine Zeremonie, in der der österreichische Kaiser ausgewählten Armen die Füße wusch. Dieses Ritual, das alljährlich zur Karwoche an jeweils 12 Frauen und 12 Männern vollzogen wurde, symbolisierte die christliche Nächstenliebe und Demut des kaiserlichen Hofs vor dem einfachen Volk. Die auserwählten Armen, die nach der Zeremonie reichlich beschenkt wurden, mussten allerdings über 80 Jahre alt sein, womit sich auch das von Wilke gewählte Datum "1980" erklärt.

Unmittelbar unterhalb der Karikatur Wilkes veröffentlichte Die Muskete ein Gedicht von Alfred Ehrmann-Falkenau, dem späteren Herausgeber der Badener Zeitung, mit dem Titel "Heimkehr":

Dein Schatten breit
Stand in der Tür,
Und Widerstreit
War jäh in mir!
Mein Aug' frohlockte:
"Er ist es! Er!"
Die Seele bockte:
"Ich glaub's nicht mehr."
Du tratest näher –

"Weh! Weh! Sein Geist...!"
Ich wußte nicht eher,
Daß du es seist,
Als bis dein Arm
Mich stark und warm
Wie sonst umfing
Und du mir sagtest:
"Dummes Ding!"

Der Lehrer, Schriftsteller und Musiker Alfred Ehrmann-Falkenau lebte in Baden bei Wien, verfasste zahlreiche Gedichte, war Autor auch heute noch beachteter Biografien von Johannes Brahms und Hugo Wolf sowie Mitbegründer der Badener Beethovengemeinde. Aufgrund seiner betont österreichisch-patriotischen Haltung verlor er 1938 nach der Annexion Österreichs durch Hitler-Deutschland seine Position als Chefredakteur der liberalen Badener Zeitung. Aus Verzweiflung und Angst vor nationalsozialistischer Verfolgung beging Ehrmann-Falkenau am 1. Oktober 1938 im oberen Kurpark der Stadt Baden Selbstmord. Seit 1958 erinnert dort ein Gedenkstein an ihn.

Ganz anders der Leipziger Karl Alexander Wilke, der ab 1903 in Wien als Ausstatter am Burgtheater und als Illustrator für das humoristische Magazin Die Muskete wirkte. Er war illegaler Nationalsozialist und wurde deshalb unmittelbar nach dem "Anschluss" 1938 kommissarischer Leiter des Österreichischen Bundesverlags. Schon in den frühen 1930er Jahren illustrierte er Bücher für den in Graz angesiedelten damals deutsch-völkischen und antisemitischen Leopold Stocker Verlag. Bis 1945 erschienen im Leopold Stocker Verlag weitere den Nationalsozialismus verherrlichende Bücher, die von Karl Alexander Wilke grafisch gestaltet wurden. Wilke starb 1954 in Wien.

Links:
Heimkehr (Die Muskete vom 26. Dezember 1918)
Weiterlesen: In Demut: Die Fußwaschungszeremonie
Weiterlesen: Die Geschichte des Leopold Stocker Verlags

25. Dezember 1918

Anna Grünwald, geborene Reumann
Anna Grünwald, geborene Reumann; © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv

Am 25. Dezember 1918 berichtete das Neue Wiener Journal über (nach-)kriegsbedingt zunehmenden Ehescheidungen:

"Die durch das Kriegsende hervorgerufene Steigerung der Ehescheidungsprozesse, die sich nach der Rückkehr der Kriegsgefangenen aus Italien und Sibirien noch weiter erhöhen dürfte, hat eine merkwürdige, aber notwendige Begleiterscheinung hervorgerufen: Die Versöhnungsversuche en masse. Da es bei dem stetigen Anschwellen der Ehescheidungsklagen beim Zivillandgericht undurchführbar ist, daß die vorgeschriebenen Versöhnungsfahrten einzeln im Bureau des Vorsitzenden vorgenommen werden, wurde die Einrichtung getroffen, daß eine größte Anzahl von Ehescheidungswerbern gleichzeitig in einen der großen Säle versammelt werden, wo dann mit ihnen der vorgeschriebene, ohnehin nur eine Formalität bedeutende Versöhnungsversuch in der Weise vorgenommen wird, daß an alle Paare die gemeinsame Frage gerichtet wird, ob eine Versöhnung möglich sei. Auf diese Weise werden oft 40 bis 80Paare gleichzeitig zur Versöhnungsfahrt versammelt, und da alle mit dem Entschlusse zur Versöhnungsfahrt gehen, sich nicht zu versöhnen, ertönt auf die Frage des Vorsitzenden, bei Anwesenheit von 80 Paaren, ein hundertsechzigstimmiges 'Nein!' die Antwort. Dann wird die Protokollierung über die 'Aussichtslosigkeit des Versöhnungsversuches' vorgenommen und die Paare werden auf die auszuschreibende mündliche Verhandlung verwiesen. Der Eherechtsreformverein hat unter Anführung dieser 'Versöhnungsversuch en masse' den Nationalrat neuerdings auf die Notwendigkeit der sofortigen Inangriffnahme der Eherechtsreform aufmerksam gemacht."

Ein besonders prominenter Fall war im Dezember 1918 die Scheidung der Anna Kaff, geborene Reumann:

"Mit Rücksicht auf das gegenwärtig den Frauen eingeräumte aktive und passive Wahlrecht ist eine eben gefallene Gerichtsentscheidung von besonderem Interesse. Mit dieser Entscheidung wird ausgesprochen, daß die Vereinstätigkeit der verheirateten Frau einen Ehescheidungsgrund bildet, weil sie durch ihre politische Tätigkeit – im vorliegenden Falle spielen Gatte und Gattin im politischen Leben eine Rolle – ihren Pflichten als Hausfrau entzogen werde. Der Schriftsteller Siegmund Kaff brachte beim Zivillandesgericht einverständlich mit seiner Gattin Anna Kaff, geborene Reumann, einer Tochter des Abgeordneten und Vizebürgermeisters Jakob Reumann, eine Klage auf Trennung der Ehe wegen unüberwindlicher Abneigung ein. Diese wird von dem Ehegatten damit begründet, daß seine Frau seine Autorität nicht wahre. Auch habe sie so lange sie mit ihm lebte, die Hauswirtschaft vernachlässigt, wenn sie die Flucht in die Öffentlichkeit des Vereinslebens ergriffen habe. Die Gattin ihrerseits gab an, daß ihre heitere Gemütsart zu dem ernsten Wesen ihres Mannes nicht passe. Ihre Vereinstätigkeit könne ihr als einer im politischen Leben tätigen Frau nicht als Vernachlässigung ihrer Hausfrauenpflichten angerechnet werden. Nach Einvernehmung mehrerer Zeugen, darunter des Vaters der Gattin Jakob Reumann, sprach das Ziviltrauungsgericht die Trennung der Ehe aus dem Verschulden beider Ehegatten aus. Das Verschulden des Mannes wurde mit seinem allzu schroffen Vorgehen gegenüber der Frau, das Verschulden der Frau damit begründet, daß sie durch ihre Vereinstätigkeit ihre Pflichten als Hausfrau verletzt habe."

Anna Kaff war die Tochter des späteren Wiener Bürgermeisters Jakob Reumann und war so wie ihr Vater seit ihrer Jugend politisch aktiv. Nach ihrer Scheidung von Siegmund Kaff heiratete sie ihren Jugendfreund Julius Grünwald, den sie bereits während des Ersten Weltkrieges im Rahmen der Gewerkschaftskommission kennengelernt hatte und nahm dessen Namen an. Neben ihrer politischen Tätigkeit, verfasste Anna Grünwald Texte und Artikel für sozialdemokratische Zeitungen, etwa für Die Frau oder Die Unzufriedene. Am 25. Juni 1931 starb sie überraschend an Herzversagen.

Links:
Massenscheidungsprozesse beim Zivillandesgericht (Neues Wiener Journal vom 25. Dezember 1918) 
Die politische Tätigkeit der Frau – ein Ehescheidungsgrund (Illustrierte Kronen-Zeitung vom 24. Dezember 1918)
Weiterlesen: Anna Grünwald (Nachruf in Die Frau vom 1. August 1931)

24./25. Dezember 1918

Blick in den Hof der Amalienburg am Ballhausplatz 1
Blick in den Hof der im 16. Jahrhundert errichteten Wiener Amalienburg am Ballhausplatz 1, wo "Heute vor 100 Jahren" seit 4. Sptember 2017 jeden Tag neu entsteht; © Stephan Neuhäuser

Liebe Leserinnen und Leser!

Die Redaktion der "Von Tag zu Tag Geschichten" wünscht Ihnen frohe und gesegnete Weihnachten!

Theresa Brzekoupil, Stephan Neuhäuser

24. Dezember 1918

K.u.k. Soldatenchor hinter der Isonzofront zu Weihnachten 1916
K.u.k. Soldatenchor hinter der Isonzofront zu Weihnachten 1916; © Wiener Bilder vom 24. Dezember 1916

Der Enkel Franz Xaver Grubers – Komponist des Weihnachtslieds "Stille Nacht" –, Felix Gruber veröffentlichte in der Salzburger Chronik vom 24. Dezember 1918 einen ausführlichen Beitrag aus Anlass des 100. Geburtstags dieses wohl berühmtesten Weihnachtsliedes der Welt, der mit einer Erinnerung an den eben zu Ende gegangenen Weltkrieg schloss:

"Noch eines möchte ich erwähnen: 'Stille Nacht' im Weltkriege! Es hat wohl keine Front gegeben, an der nicht – nach Möglichkeit – der Weihnachtsabend gefeiert worden wäre. Und 'Stille Nacht' durfte dabei nicht fehlen. Wie sehnsüchtig flogen da die Gedanken heimwärts zu den Lieben und wie bange gedachten diese des Mannes, Bruders, Bräutigams und Freundes draußen in den Sümpfen Polens, in den Pässen der Karpathen, im Süden am Isonzo und in den Bergriesen Tirols. Gar manches Tränlein und manch schwerer Seufzer mag 'Stille Nacht' gesehen und gehört haben. Mir ist besonders Weihnacht 1917 in Erinnerung. In unserer Abteilung waren Soldaten beinahe aller Nationen vertreten. Ich erhielt den Auftrag eine Weihnachtsfeier vorzubereiten. Als würdiges Gegenstück zur Gitarre der Uraufführung stand mir eine Ziehharmonika zur Verfügung. Auf der wurde 'Stille Nacht' 'studiert'. Als wir aber dann am Christabend das Liedlein sangen und aus 180 rauen Kriegerkehlen in nicht weniger als sechs verschiedenen Sprachen dieselbe Melodie erklang, während manches Auge feucht wurde, da fühlte auch ich stärker als je den Zauber der schlichten Weise und ich wünschte, Großvater und Mohr könnten hören und sehen, wie tief ergriffen wir alle ihr 'Stille Nacht' sangen [...] Nach harten, schweren Kriegsjahren ist 1818 'Stille Nacht' entstanden, nach ebensolchen feiert es heuer seinen 100jährigen Geburtstag. Als Friedenslied ward es gedichtet und komponiert, möge es bald im vollsten Sinne des Wortes wieder ein solches sein! Und zu dem verheißenden Weihnachtssang: Friede den Menschen auf Erden wird wieder so frisch und jubelnd wie vor hundert Jahren erklingen: Mohrs und Grubers Lied von der 'Stillen, heiligen Nacht'!"

Das mittlerweile in mehr als 300 Sprachen übersetzte Weihnachts- und Friedenslied "Stille Nacht" wurde von der UNESCO am 22. März 2011 in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen.

Links:
Stille Nacht. Heilige Nacht. Zum 100jährigen Geburtsfeste des Liedes (Salzburger Chronik vom 24. Dezember 1918)
Weiterlesen: Stille Nacht (UNESCO – Immaterielles Kulturerbe in Österreich)
Weiterlesen: Stille Nacht Gesellschaft
Weiterlesen: "Stille Nacht, heilige Nacht" in 52 Sprachen (Video)