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Von Tag zu Tag 1917 bis 1919

31. März 1919

Die Konferenz der deutschösterreichischen Gastwirtegehilfinnen und -gehilfen im Arbeiterheim in Wien-Favoriten, die am 31. März 1919 begann
Die Konferenz der deutschösterreichischen Gastwirtegehilfinnen und -gehilfen im Arbeiterheim in Wien-Favoriten, die am 31. März 1919 begann, Foto: Richard Hauffe; © Wiener Bilder vom 6. April 1919

Am 31. März 1919 begann im Favoritner Arbeiterheim, das in der Laxenburger Straße 8 im 10. Wiener Gemeindebezirk lag, eine dreitägige Konferenz der der Hotel-, Gast- und Kaffeehausangestellten. Gefordert wurden unter anderem geregelte Arbeitszeiten, etwa eine 6-Tage-Woche mit maximal 78 Arbeitsstunden, und die Abschaffung des Trinkgelds. Letzteres ersetzte damals einen Teil des Lohnes, und Kellner – "gelernte" Kellner wurden als "Marqueure" bezeichnet – mussten sogar einen Prozentsatz des Trinkgeldes an den Lokalbetreiber abführen. Wichtig war den Gastwirtegehilfinnen und -gehilfen (darunter 11.000 Frauen und knapp 6.000 Männer) auch die Zusammenlegung der drei für sie zuständigen Krankenkassen und die Aufhebung der Konzessionspflicht, da kaum neue Gastwirtschaftskonzessionen erteilt wurden und bestehende bei Geschäftsübergaben um sehr hohe Summen verkauft wurden. Die Arbeiter-Zeitung kündigte die Konferenz am 30. März an:

"Die Zustände, die unter den Hotel-, Gast- und Kaffeehausangestellten herrschen, sind ein Hohn auf alle gesundheitlichen Vorschriften. Schon die schrankenlose Ausbeutung der Lehrlinge hindert die Entwicklung des Körpers und des Geistes. Dabei wird das Personal durch eine unmoralische Trinkgeldwirtschaft korrumpiert und der Lohn, der bezahlt wird, steht immer noch auf der gleichen Höhe wie vor dreißig Jahren. Dazu kommen die Haftung der Kellner für Waren, Geschirr und Eßzeug und ein unkontrollierbares Verrechnungssystem. Alle diese skandalösen, nur der Gewinnsucht der Unternehmer dienenden Zustände sind jetzt unerträglich geworden. Die gastgewerbliche Arbeiterschaft ist fest entschlossen, damit aufzuräumen […] Gefordert wird: achtstündiger Arbeitstag, Sperre der Einstellung von Lehrlingen zur Entlastung des mit vielen Tausenden überfüllten Arbeitsmarktes, Festsetzung der Löhne, die für alle Hotel-, Restaurant- und Kaffeehauskellner gleich und so hoch sein müssen, daß niemand auf das Trinkgeld angewiesen ist; Aenderung der Verrechnung zwischen Unternehmer, Kellner und Gast und Aufhebung der Inventarhaftung und der Prozentzahlung; Regelung des Lehrlingswesens; Aufhebung der Konkurrenz zwischen männlicher und weiblicher Arbeitskraft nach dem Prinzip: für gleiche Arbeit gleichen Lohn; Herausgabe eines besonderen Schutzgesetzes für alle Angestellten im Gast- und Schankgewerbe. Außerdem wird die Bereinigung der Hotel-, Gast- und Kaffeehausgehilfenkrankenkassen angestrebt. Die Gehilfenschaft ist fest entschlossen, diese Forderungen mit allem Nachdruck zu vertreten."

Links:
Lohnbewegung unter der gastgewerblichen Arbeiterschaft (Arbeiter-Zeitung vom 30. März 1919) 
Weiterlesen: Konferenz der Hotel-, Gast- und Kaffeehausangestellten (ausführlicher Bericht in der Arbeiter-Zeitung vom 1. April 1919)
Weiterlesen: Konferenz der Hotel-, Gast- und Kaffeehausangestellten (ausführlicher Bericht in der Arbeiter-Zeitung vom 2. April 1919) 

30. März 1919

Professor Diktor Edmund Bernatzik, 1919
"Hofrat Professor Dr. Edmund Bernatzik †, Wien"; © Wiener Illustrierte Zeitung vom 6. April 1919

Am 30. März 1919 verschied überraschend der prominente österreichische Rechtsgelehrte Edmund Bernatzik. Wenig später veröffentlichte die Die Wiener Illustrierte Zeitung einen bebilderten Nachruf:

"In seinem Heim am Springsiedelweg in Wien ist der Staatsrechtslehrer an der Wiener Universität Hofrat Professor Dr. Edm. Bernatzik im 65. Lebensjahre einem Herzschlag erlegen. Mit Bernatzik verschwindet einer der bekanntesten Lehrer der Wiener Universität. Seine von der herkömmlichen Norm abweichende Art des Vortrages, der Inhalt seiner Vorlesungen hoben ihn stets als Lehrer unter seinen Universitätskollegen besonders hervor […] Auch war Professor Bernatzik unter den ersten, die an der Universität für die Zulassung der Frauen zum Rechtsstudium eintraten, und in zwei Dezennien hat er in Streitschriften und Vorträgen für ein Ziel gekämpft, das zu erreichen ihm nicht mehr beschieden sein sollte."

Der am 28. September 1854 im niederösterreichischen Mistelbach geborene Edmund Bernatzik studierte an den Universitäten Wien und Graz Rechtswissenschaften und wurde anschließend Richter. Nachdem sein Buch "Rechtsprechung und materielle Rechtskraft" an der Universität Wien als Habilitationsschrift anerkannt wurde, konnte er die wissenschaftliche Laufbahn einschlagen, die ihn über die Universitäten Innsbruck, Basel und Graz zurück nach Wien führte. An der Universität Wien hatte er zweimal die Rolle eines Dekans inne und wirkte 1910/11 als Rektor der Universität. Bernatzik war Mitglied der deutschnationalen Burschenschaft "Silesia", war aber trotz seiner deutschnationalen Gesinnung, die er zeitlebens beibehielt, loyal zur Monarchie und darauf bedacht die anderen Völker des 1918 untergegangenen Reiches nicht zu diskriminieren.

Bernatzik gilt heute als Pionier der österreichischen Verfassungs- und Verwaltungsrechtswissenschaften und war als Mitglied der Kommission für die Reform der österreichischen Verwaltung führend an der rechtsstaatlichen Umformung des früher überwiegend polizeistaatlich geprägten Landes beteiligt. 1919 wurde er deshalb in den deutschösterreichischen Verfassungsgerichtshof berufen.

Bernatzik engagierte sich auch in der Volksbildung und setzte sich als Mitglied des "Vereins für erweiterte Frauenbildung" für die rechtliche Gleichstellung von Frauen, unter anderem auch für ihre Zulassung zum Universitätsstudium, ein. Tatsächlich konnte Bernatziks Tochter Marie 1922, als eine der ersten österreichischen Frauen, an der Juridischen Fakultät in Wien promovieren.

Der seit seiner Kindheit herzleidende Edmund Bernatzik verstarb im Alter von 65 Jahren am 30. März 1919 an einem Herzschlag. Er wurde am Heiligenstädter Friedhof im 19. Wiener Gemeindebezirk beigesetzt.

Link:
Hofrat Professor Dr. Edmund Bernatzik †, Wien (Wiener Illustrierte Zeitung vom 6. April 1919)

29. März 1919

Von dem Generalstreik auf den deutschösterreichischen Eisenbahnen. Bilder aus den ersten Stunden des Eisenbahnerstreiks auf dem Wiener Südbahnhof
"Von dem Generalstreik auf den deutschösterreichischen Eisenbahnen. Bilder aus den ersten Stunden des Eisenbahnerstreiks auf dem Wiener Südbahnhof"; © Neuigkeits-Welt-Blatt vom 29. März 1919

"Alle Räder stehen still. Der Generalstreik der Eisenbahner" titelte das Neuigkeits-Welt-Blatt am 29. März 1919:

"Auf den deutschösterreichischen Eisenbahnen ist der Generalstreik, den wir gestern als bevorstehend angekündigt haben, heute zum Ausbruch gekommen. Was verlangen die Eisenbahner? Sie fordern Lebensmittel und Kleider. Bezüglich der Lohnerhöhungen erklären sie, daß sie wegen des Geldes mit sich reden lassen wollen; sie wollen nicht die Banknotenpresse zu gesteigerter Tätigkeit anspornen; was helfe das Geld, wenn man sich nichts davon kaufen könne? Ein sehr vernünftiger Standpunkt! Wenn die Eisenbahner eine bessere Belieferung mit Lebensmitteln und Kleidern fordern, so läßt sich dagegen nichts einwenden. Sie haben einen schweren Dienst, sie haben einen verantwortungsvollen Dienst, sie haben infolgedessen das Recht, für ihre besonderen Meinungen eine besondere Berücksichtigung zu fordern."

Der Streik am 29. März 1919 legte den Zugsverkehr vor allem im Osten und Süden des Bundesgebiets für einen Tag lahm. Überfüllte Fernzüge, die noch pünktlich abfuhren, blieben an kleinen Bahnhöfen abrupt stehen, sodass hunderte gestrandete Passagiere in Langenzersdorf oder Gänserndorf festsaßen; Kinder vom Land, die in den Städten die Schule besuchten, konnten nicht nach Hause. Auf der Norwestbahn setzten die Eisenbahner sogar den Direktor ab und übernahmen selbst die Direktionsgeschäfte.

Von Graz wurde von einem amerikanischen Oberst berichtet, der nach Wien zu Verhandlungen unterwegs war und – von Triest kommend – am Grazer Hauptbahnhof festsaß. Allerdings boten Grazer Kraftfahrzeuglenker gut betuchten Reisenden Passagen nach Wien um 300,- Kronen an (heute etwa 100,- Euro), eine Fluggelegenheit von Graz nach Wien war am 29. März 1919 sogar schon um 280,- Kronen zu haben. Der Expresszug von Paris über Wien nach Bukarest kehrte um und fuhr nach Paris zurück, während der aus Bukarest kommende Zug überhaupt zurückgehalten wurde.

Der Streik konnte im Laufe des 29. März 1919 beendet werden, wobei die Regierung den Eisenbahnern auf halbem Weg entgegenkam und zusätzlich versprach einzelne Forderungen, etwa die nach dem 8 Stunden Tag, gesetzlich zu regeln.

Link:
"Alle Räder stehen still." Der Generalstreik der Eisenbahner (Neuigkeits-Welt-Blatt vom 29. März 1919)

28. März 1919

Wien-Meidling: Eröffnung des Pavillons "Esperance" für an Rachitis und Tuberkulose erkrankte Kinder in der amerikanischen Kinderheilstätte am Tivoli
Wien-Meidling: Eröffnung des Pavillons "Esperance" für an Rachitis und Tuberkulose erkrankte Kinder in der amerikanischen Kinderheilstätte am Tivoli, April 1921; © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv

Am 28. März 1919 wurde die 5 Jahre zuvor von den Alliierten gegen die Mittelmächte aufgebaute Lebensmittelblockade aufgehoben. Die Blockade hatte für die Zivilbevölkerung und insbesondere für Kinder verheerende Auswirkungen, die noch bis in die früher 1920er-Jahre hineinreichen sollten. Die Wiener Morgenzeitung berichtete Ende März 1919 über "Die Not der Kinder":

"In einer vom Amte für Volksgesundheit verfaßten lesenswerten Denkschrift kann man erschreckende Zahlen über Kindesnot und Kindestod hören. Wohl kennen Lehrer und Kinderärzte in den Ambulatorien die verheerende Einwirkung der Unterernährung, sie sehen mit Schaudern die abgemagerten, blassen, meist tuberkuloseinfizierten, oft verwahrlosten Kinder, von jenen geht auch immer wieder der Ruf nach Hilfe und Rettung unserer zukünftigen Generation aus – doch, daß die Zahl der Todesfälle der Fünf- bis Fünfzehnjährigen für Deutschösterreich um 50 Prozent, in Wien allein sogar um 60 Prozent angestiegen ist, ist zwar nach neuen Berechnungen wahr, es übersteigt aber jede Vermutung. An erster Stelle steht die Tuberkulose als typische Wohnungs- und Ernährungskrankheit unter den Todesursachen. Die Zunahme dieser sogenannten 'Wiener Krankheit' ist geradezu katastrophal. Der Zuwachs der Todesfälle an Tuberkulose beträgt für die jugendlichen Altersstufen beider Geschlechter seit Kriegsbeginn bis zu 120 Prozent."

Während des Ersten Weltkriegs verhungerten auf dem deutschösterreichischen Gebiet der Habsburger-Monarchie etwa 100.000 Menschen; in Deutschland waren es knapp 800.000. Die Hungersnot war vor allem darauf zurückzuführen, dass sowohl Deutschland als auch Österreich-Ungarn hinsichtlich der Lebensmittelversorgung unvorbereitet in den Krieg zogen, von dem sie meinten er werde nur kurz dauern. Die Mitte 1914 von den Alliierten verhängte Blockade verschärfte die Lebensmittelkrise zusätzlich und leistete 1918 einen wichtigen Beitrag zur Niederlage der Mittelmächte. Nach dem Waffenstillstand wurde die Lebensmittelblockade nicht etwa aufgehoben, sondern als Druckmittel vor allem gegenüber Deutschland weitergeführt, um es zur Annahme der harten Bedingungen des Friedensvertrags von Versailles zu zwingen.

Links:
Die Not der Kinder (Wiener Morgenzeitung vom 30. März 1919)
Weiterlesen: Die Wirkung der Hungerblockade auf die Volksgesundheit (1919-1921) (Filmdokument, Deutsches Bundesarchiv)

27. März 1919

Der neue Direktor der Wiener Musikakademie: Ferdinand Loewe
"Der neue Direktor der Wiener Musikakademie: Ferdinand Loewe, der populäre Dirigent des Wiener Konzertvereines"; © Wiener Bilder vom 6. April 1919

An der weltberühmten Wiener Musikakademie (heute Universität für Musik und darstellende Kunst) ging es nach dem Weltkrieg turbulent zu. Unter anderem wurden die berühmten Musiker Otakar Ševčík, Leiter der Geigenausbildung und der Pianist Jerzy (Georg von) Lalewicz, Pianist, Komponist und Klavierlehrer aufgrund ihrer Nationalität – Ševčík stammte aus Böhmen und Lalewicz war Pole – trotz Protests des Rektors der Akademie Wilhelm Bopp, der als deutscher Staatsbürger tatsächlich Ausländer war, auf Betreiben des zuständigen Ministers für Unterricht und Kultus Raphael Pacher entlassen. Pacher, der erste Unterrichts- und Kulturminister der Republik, war Anhänger des deutschnationalen Antisemiten Georg Ritter von Schönerer, gehörte mehreren deutschnationalen Burschenschaften an, und war Gründer der "Deutschradikalen Partei". Daneben schwelte auch innerhalb der Akademie ein Streit zwischen dem Präsidenten der Akademie Karl (von) Wiener, der die Akademie stärker als universitäre Einrichtung positionieren wollte, und dem aus Künstlern bestehenden Lehrkörper, der den Verlust von künstlerischen Talenten befürchteten, da letztere oftmals nicht die Voraussetzungen für ein ordentliches Universitätsstudium mitbrachten.

Am 27. März 1919 wurde deshalb an der Akademie über einen neuen Rektor abgestimmt (die Präsidentschaft und das Rektorat wurden außerdem zu einem einzigen Amt zusammengelegt). Gewählt wurde der beliebte Dirigent Ferdinand Löwe:

"Wir nehmen diese Willenskundgebung des Lehrkörpers der Akademie für Musik und darstellende Kunst mit wahrer Freude zur Kenntnis und begrüßen den in Vorschlag gebrachten neuen Direktor Ferdinand Löwe von ganzem Herzen. Ferdinand Löwe ist ein berühmter Dirigent, ein ausgezeichneter Lehrer und ein bewehrter Organisator, somit der richtige Mann, der dazu berufen erscheint, das Ansehen der ersten Musikschule unserer Republik wieder zu heben und von all den Schlacken zu reinigen, die sich im Laufe der unumschränkten Herrschaft Wieners in erschreckender Weise aufgehäuft haben. Direktor Löwe ist ein moderner Musiker und darum befähigt, den Lehrplan der Akademie im fortschrittlichen Sinne zu reformieren und dort wieder Gerechtigkeit walten zu lassen, wo ein unschlüssiges Lavieren zwischen beinah umstürzlerischen Tendenzen und starrem Festhalten an verzopften Methoden Zweck und Ziel des Unterrichtes nicht mehr erkennen ließen. – Direktor Bopp wurde zum Vorwurf gemacht, daß er mehr Beamter als Künstler sei. Es ist nicht zu leugnen, daß Direktor Bopp in der zu langen Aera Wiener einen sehr schweren Stand hatte und überdies einen recht undankbaren, mußte er doch in allen Affären die Rolle des Puffers zwischen aneinanderprallenden Gegensätzen spielen. Gleichwohl sollen die Verdienste Bopps um die Akademie für Kunst nicht geschmälert werden."

Der 1865 in Wien geborene Ferdinand Löwe war Pianist und Dirigent bei der Gesellschaft der Musikfreunde. 1901 gehörte er zu den Mitbegründern des Wiener Konzertvereins, den er bis 1924 leiten sollte, und führte die Arbeitersymphoniekonzerte ein. Die Akademie für Musik und darstellende Kunst leitete Löwe bis 1922. Er starb am 12. Jänner 1925 und wurde am Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab der Stadt Wien bestattet.

Link:
Ferdinand Löwe – Direktor der Musikakademie (Der Neue Tag vom 28. März 1919)

26. März 1919

Die 12jährige Geigerin Erna Rubinstein
"Ein musikalisches Wunderkind: Die 12jährige Geigerin Erna Rubinstein, welche bei dem jüngsten Slezak-Konzert wahre Sensation erregte"; © Wiener Bilder vom 13. April 1919

Am 26. März 1919 berichtete Der Neue Tag von einem Konzert der erst 12-jährigen aus Ungarn stammenden Geigenvirtuosin Erna Rubinstein, die das Wener Publikum 1919 Sturm eroberte. Ihre Darbietung eines Violinkonzertes des russischen Komponisten Alexander Gazunov stieß allerdings auf verhaltene Kritik:

"Erna Rubinstein, wohl das bedeutendste Wunderkind der Gegenwart, hat mit dem undankbaren und dabei unerhört schwierigen Violinkonzert von Glazunow nicht den gleich stürmischen Beifall verblüffter Zuhörer erzielt, wie unlängst nach dem Vortrag des Mendelssohnschen Konzertes. Die Ursachen dafür liegen in der mangelhaften Akustik des großen Konzerthaussaales und in der ein wenig zu fadenscheinigen Arbeit, in deren thematischem Geflechte der Reproduzierende sich leicht verwirrt."

Nachdem Erna Rubinstein in Wien zur gefeierten Violinenvirtuosin aufgestiegen war, verließ sie Österreich und tourte durch Westeuropa, Skandinavien, Kanada und durch die Vereinigten Staaten. In Washington trat sie sogar im Weißen Haus auf und gab Präsident Harding ein privates Konzert. Rubinstein, die jüdischer Herkunft war, lebte bis 1937 in Budapest und emigrierte im Oktober 1937 in die Vereinigten Staaten, wo sie 1952 in Pittsburg verstarb.

Links:
Erna Rubinstein, wohl das bedeutendste Wunderkind der Gegenwart (Der Neue Tag vom 26. März 1919)
Weiterlesen: Erna Rubinstein spielt Felix Kreislers Arrangemant der Chaminade Serenade Espagnole (Youtube-Video)

25. März 1919

Die alte Matzleinsdorfer Kirche in Wien um 1919, abgerissen im Jahr 1965
"Die alte Matzleinsdorfer Kirche in Wien, erbaut 1725, wird aus Verkehrsrücksichten demoliert", Foto von Max Fenichel; © Wiener Bilder vom 6. April 1919

Im Neuen Wiener Tagblatt erschien am 25. März 1919 eine kurze Meldung über den angeblich unmittelbar bevorstehenden Abbruch einer bekannten Wiener Kirche, die aufgrund ihrer Lage immer wieder Verkehrsbehinderungen verursachte:

"Im Voranschlage der Bezirksvertretung Margareten wurde die Demolierung der Matzleinsdorfer Kirche vorgesehen, weil sie mitten in der Straße steht, dieselbe in zwei enge Teile teilt und daher ein Verkehrshindernis bilde. Im Klieberpark soll die Kirche neu aufgebaut werden."

Tatsächlich wurde der als "Rauchfangkehrerkirche" bekannte Barockbau aus dem Jahr 1725 – hier fanden traditionell die Umzüge der Wiener Rauchfangkehrer statt – erst 46 Jahre später abgetragen, nämlich im Jahr 1965, als der Individualverkehr die Stadt in den Wirtschaftswunderjahren nach dem Zweiten Weltkrieg fest im Griff hatte. Die Kirche stand nämlich auf einer Insel inmitten der Wiedner Hauptstraße, sodass es dort immer wieder zu Verkehrsstauungen kam.

Schon 1787 sollte das Gebäude erstmals abgebrochen werden, allerdings scheiterte Kaiser Joseph II, der die Demolierung verfügt hatte, am Widerstand der Bevölkerung. 1907 gab es neuerlich Überlegungen die Kirche durch einen am Fahrbahnrand anzulegenden Neubau zu ersetzen. Da aber kein passender Bauplatz gefunden werden konnte, wurde der Abbruch immer wieder aufgeschoben. Sanierungsarbeiten wurden nach der letzten Renovierung im Jahr 1900 keine mehr durchgeführt und ein Brand im Jahr 1925 setzte der Bausubstanz weiter zu.

Schließlich bat die Erzdiözese Wien die Wiener Stadtregierung 1953 um Unterstützung bei der Grundstückssuche für den Bau einer neuen Kirche in der Wiedner Hauptstraße. Die Stadt Wien konnte tatsächlich ein Grundstück in unmittelbarer Nähe zur alten Kirche zur Verfügung stellen und erhielt von der Erzdiözese, die auch den Abbruch der alten Kirche finanzierte, im Tauschweg den Grund, auf dem die "Rauchfangkehrerkirche" stand. Das Bundesdenkmalamt erhob keinen Einspruch. Unmittelbar vor den Abbrucharbeiten kam es zwar zu einer Unterschriftenaktion gegen den Abbruch, die aber erfolglos blieb.

Link:
Demolierung der Matzleinsdorfer Kirche (Neues Wiener Tagblatt vom 25. März 1919)

24. März 1919

Karikatur: Amtliche Enthüllungen über die Abreise des Exkaisers 1919
"Amtliche Enthüllungen über die Abreise des Exkaisers: Unser Zeichner hat sich um alle die amtlichen, halbamtlichen und privaten Darstellungen nicht gekümmert, sondern hat sich nur von seinem Humor leiten und seiner Phantasie die Zügel schießen lassen. Wenn auch alles gedrosselt wird, er läßt sich seinen Humor nicht drosseln – auch nicht von der Weltgeschichte"; © Illustrierte Kronen-Zeitung vom 25. März 1919

Am 24. März 1919 um etwa 17 Uhr passierte der Sonderzug mit dem ehemaligen Kaiser Karl und dessen Familie die österreichisch-schweizerische Grenze in Buchs, Vorarlberg, womit die Ära der Habsburger in Österreich endgültig vorüber war. Schon seit Dezember 1918 hatte die Regierung den ehemaligen Kaiser dazu gedrängt entweder formell abzudanken oder das Land zu verlassen, um diplomatische Konflikte mit den neuen Nachbarstaaten zu vermeiden. Karls Hofhaltung im Jagdschloss Eckartsau östlich von Wien verursachte außerdem hohe Kosten, da zu seinem Schutz ein eigenes Polizeikommissariat in Eckartsau unterhalten werden musste, und andererseits kam es angesichts der Hungersnot immer wieder zu Kritik an den vergleichsweisen luxuriösen Bedingungen am "kaiserlichen Hof".

Da sich Karl zu keinem formellen Thronverzicht durchringen konnte, blieb ihm keine Wahl, außer das Land zu verlassen. Dabei wurde er vom britischen König Georg unterstützt, der sich Sorgen um die Sicherheit der ehemaligen kaiserlichen Familie machte; gerüchteweise fühlte sich der britische Monarch am Schicksal der russischen Kaiserfamilie mitschuldig, der er 1918 kein Asyl in England gewähren wollte, und die wenig später in Jekaterinburg ermordet wurde. Zwar war Karl Habsburg-Lothringen Anfang 1919 nicht unmittelbar bedroht, aber die Ausrufung der Räterepublik in Ungarn, nur wenige Kilometer von Eckartsau entfernt, verhieß wenig Gutes.

Bereits eine Woche vor der Abreise des ehemaligen Monarchen, ersuchte der britische Generalstab die österreichische Regierung um die Bereitstellung von Zugsgarnituren, darunter auch den Hofzug, vorgeblich um Entente-Personal aus dem revolutionären Ungarn in Sicherheit zu bringen. Die Züge wurden auf der Strecke zwischen Wien-Hütteldorf und Wien-Westbahnhof "ausprobiert" und kleinere Mängel behoben. Am 23. März 1919 wurde einer davon in das niederösterreichische Kopfstetten bei Eckartsau überstellt, von wo er den in den Medien als "Exkaiser" titulierten Karl und dessen Familie in die Schweiz bringen sollte. Die Abreise sollte noch am 23. März erfolgen, wovon die deutschösterreichische Regierung erst wenige Stunden vorher formell informiert wurde.

Gegen 19 Uhr verließ der Sonderzug mit der ehemals kaiserlichen Familie Kopfstetten und wurde über Stadlau, Simmering und Ober-St.-Veit nach Wien-Hütteldorf geführt, wo die Lokomotive gewechselt wurde:

"Sonntag um 9 Uhr 40 Minuten abends traf der Sonderzug, der aus vier Salon-, einen Schlaf-, einen 1. Klasse-, einen Küchen- und zwei großen Gepäckwagen bestand, von Kopfstetten kommend, auf dem Hütteldorfer Bahnhof ein. Dort erfolgte der erste Maschinenwechsel. Nach 10 Minuten Aufenthalt während dem der den Zug begleitende englische Offizier wie die englische Begleitmannschaft auf dem Bahnsteig auf und abgingen, setzte der Sonderzug die Reise fort […] Der Wachdienst auf dem Hütteldorfer Bahnhof wurde von einer verstärkten Detektivabteilung seit Sonntag mittags versehen […] Fast zur selben Stunde, als der Sonderzug in Hütteldorf einlief, traf vor dem Bahnhof ein ehemaliges kaiserliches Auto ein und wartete bis zur Abfahrt des Zuges. Das Auto kam ohne Insassen und fuhr auch leer wieder ab... Welchen Zweck die Anwesenheit dieses Automobils hatte, ist nicht bekannt. Selbstverständlich knüpfen sich daran die seltsamsten Vermutungen, deren Stichhältigkeit nicht geprüft werden kann. Man hält es nicht für ausgeschlossen, daß der Kraftwagen bereit stand, um bei allfälligen Zwischenfällen in ihrer Sicherheit bedrohten Persönlichkeiten zur Flucht zu verhelfen."

Von Wien-Hütteldorf ging es über Selztal – die ursprüngliche Route über Linz wurde wegen Sicherheitsbedenken verworfen –, Bischofshofen und Innsbruck an die Schweizer Grenze, die am am späten Nachmittag des 24. März 1919 bei Buchs überquert wurde. Unmittelbar vor der Überquerung der Grenze nahm Karl in seinem in seinem verbitterten "Feldkircher Manifest" alle Zusagen zurück, die er der deutschösterreichischen Regierung seit Oktober 1918 gemacht hatte.

Link:
Enthüllungen über die Abreise der Kaiserfamilie (Illustrierte Kronen-Zeitung vom 25. März 1919)
Weiterlesen: Das Feldkircher Manifest des ehemaligen Kaisers Karl vom 24. März 1919 (PDF)

23. März 1919

Polier- und Abwischapparat zum Bohnern, Fegen, Abstauben,  aller Möbel, Fußböden
"Polier- und Abwischapparat zum Bohnern, Fegen, Abstauben, aller Möbel, Fußböden usw."; © Das interessante Blatt vom 23. März 1919

Am 23. März stellte Das interessante Blatt seinen Leserinnen und Lesern unter der Rubrik "Praktisches fürs Haus" einen neumodischen "Polier- und Abwischapparat" vor:

"Vielseitig verwendbar ist dieser Polier- und Abstaubapparat. Er besteht aus einer schräg eingelassenen langen Stange, einem Metalldeckel und einem großen Kreis dicker Baumwollfäden. Die lange Stange ermöglicht ein Abstauben, Fegen, Bohnern und Polieren aller Fußböden und, was besonders wichtig ist, aller Möbel. Zum Bohnern und Polieren wird eine besondere Wachsmasse dem Apparat beigefügt. Staub, Schmutz entfernt man durch einfaches Abschütteln der Baumwollfäden. Die Reinigung der letzteren vom Wachs und der Schmutzmasse geschieht durch Ausseifen der Fäden. Diese sind im übrigen äußerst lange haltbar, wie auch der ganze Wischer sehr solide gebaut ist."

Link:
Ein Polier- und Abwischapparat (Das interessante Blatt vom 23. März 1919)

22. März 1919

Dr. Gustav (von) Klein-Doppler
Dr. Gustav (von) Klein-Doppler; © Wiener Salonblatt vom 22. März 1919

Am 22. März 1919 würdigte das Wiener Salonblatt den begeisterten Schifahrer Gustav Klein-Doppler:

"Als Präsident des österr. Skivereins hat sich Dr. v. Klein bedeutende Verdienste nicht nur um den Verein als solchen erworben, sondern auch um die Verbreitung und Popularisierung des Skilaufes in Österreich. Während des Weltkrieges leistete Dr. v. Klein vom Dezember 1914 bis Februar 1915 freiwillig Dienste als Skilehrer in Mariazell bei den Skikursen des Militärkommandos Wien. Später assentiert und dem Feldhaubitzenregiment Nr. 13 zugeteilt, fand er auch weiterhin Verwendung als Militärskilehrer des Wiener Militärkommandos. Bei der Lawinenkatastrophe am 19. Februar 1916 am Hochkönig entging er nur durch ein Wunder dem Tode."

Der Enkel des berühmten Physikers Christian Doppler, der Rechtsanwalt Gustav Klein-Doppler, war seit 1910 Präsident des Österreichischen Schi Vereins in Wien, der dem Dachverband "ÖSV – Österreichischer Schi Verband" angehörte. Als der ÖSV im Jahr 1923 den "Arierparagraphen" einführte, und damit jüdische Sportlerinnen und Sportler ausschloss, verließ der Österreichische Schi Verein auf Initiative Klein-Dopplers den ÖSV und gründete 1924 gemeinsam mit anderen weltoffenen Vereinen den "Allgemeinen österreichischen Schiverband", dem vom internationalen Schiverband FIS das alleinige Recht zugesprochen wurde internationale Veranstaltungen, vor allem Weltmeisterschaften und Olympische Spiele, mit österreichischen Athletinnen und Athleten zu beschicken. Gustav Klein-Doppler wurde zum Vorsitzenden des neuen Verbandes gewählt. Der ÖSV blieb wegen des "Arierparagraphen" von internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen.

Als sich nun die olympischen Winterspiele 1928 näherten, traf Klein-Doppler eine verheerende Entscheidung, die seine Karriere als Spitzenfunktionär des Schiverbandes jäh beenden sollte: er unterstützte die Einführung des "Arierparagraphen" in seinem Stammverein. Klein-Dopplers Argumentation für die Einführung des "Arierparagraphen" im Österreichischen Schi Verein, die sowohl auf liberaler als auch auf deutschnationaler Seite auf Ablehnung stieß, war folgende: Dadurch, dass ein einziger Mitgliedsverein des Allgemeinen österreichischen Schiverbandes den deutschnationalen, antisemitischen Standpunkt einnähme, aber im weltoffenen Allgemeinen Dachverband verbliebe, würden deutschnationale Schisportlerinnen und -sportler die Gelegenheit bekommen diesem Verein beizutreten, um so an den kommenden Olympischen Spielen teilzunehmen, bei denen ihr bisheriger Verband, der antisemitische ÖSV, ja ausgeschlossen war.

Da die Situation aufgrund Klein-Dopplers Vorgehen völlig verfahren war, musste das Bundesministerium für Unterricht, wohin auch die Sportagenden ressortierten, vermittelnd eingreifen. Und tatsächlich wurde eine ungewöhnliche, aber für beide Seiten befriedigende Lösung gefunden: Es wurde ein weiterer Dachverband für die beiden bestehenden Dachverbände gegründet, der den Namen "Österreichische Skidelegation" erhielt. In diese "Skidelegation" entsandten beide Dachverbände gleich viele Delegierte, die alle Entscheidungen einhellig treffen mussten, sodass keiner der beiden Dachverbände den jeweils anderen überstimmen konnte. Somit konnten Schisportlerinnen und -sportler beider Verbände an den Olympischen Spielen 1928 teilnehmen.

Die Teilnahme an den Olympischen Spielen in St. Moritz war die erste in der Geschichte der Republik, bei der Österreich mit 3 Silber- und einer Bronzemedaille den 7. Rang erreichte; Platz 1 ging an Norwegen mit 6 Gold-, 4 Silber- und 5 Bronzemedaillen.

Gustav Klein-Doppler sollte noch einmal, aber nur für ganz kurze Zeit, an die Spitze des Österreichischen Schiverbandes zurückkehren. Am 6. Februar 1938 kam es nämlich im Rahmen eines internationalen Schisprungwettbewerbs auf der Sattnitz bei Klagenfurt zu nationalsozialistischen Kundgebungen, die ernste Folgen hatten:

"Wie die Amtliche Nachrichtenstelle mitteilte, begleitete ein Teil der Zuschauer jeden Aufruf eines reichsdeutschen Springers mit demonstrativem Beifall, während die ausgezeichneten Leistungen der Oesterreicher mit eisigem Schweigen aufgenommen wurden. Nach Beendigung des Springens sangen illegale Elemente verbotene nationalsozialistische Lieder, wobei es zu kleinen Reibungen mit anderen Zuschauern kam." (Der Landbote vom 12. Februar 1938)

Als Reaktion auf die nationalsozialistischen Ausschreitungen wurden 2 Funktionäre des veranstaltenden Kärntner Schivereins verhaftet und die Führung des ÖSV ausgewechselt, wobei Klein-Doppler zum Vorsitzenden des Verwaltungsausschusses des ÖSV ernannt wurde.

Während und nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte Klein-Doppler als Rechtsanwalt. Er verstarb im Alter von 89 Jahren und wurde am 6. Juni 1969 am Wiener Zentralfriedhof begraben.

Link:
Dr. Gustav von Klein (Wiener Salonblatt vom 22. März 1919)