Die Website zum Gedenk- und Erinnerungsjahr 2018 wird nicht mehr aktualisiert, steht aber bis auf weiteres als Nachlese zur Verfügung.
Republik Österreich Logo
Seitenpfad
Ihre Position: Oesterreich100.at - Von Tag zu Tag 1917 bis 1919
Inhalt

Von Tag zu Tag 1917 bis 1919

21. März 1919

Die Flucht des Exkaisers nach der Schweiz: Der Hofzug in der nächst Eckartsau gelegenen Station Kopfstetten unmittelbar vor der Abfahrt
"Die Flucht des Exkaisers nach der Schweiz: Der Hofzug in der nächst Eckartsau gelegenen Station Kopfstetten unmittelbar vor der Abfahrt", 23. März 1919; © Wiener Bilder vom 30. März 1919Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv

Am 20. März 1919 dementierte Korvettenkapitän Emmerich Schonta von Seedank, Hausverwalter von Kaiser Karl in dessen niederösterreichischen Jagdschloss Eckartsau, dass Karl beabsichtige mit seiner Familie das Land zu verlassen und dafür in der Schweiz bereits vorgefühlt hätte. Tags darauf wurde aber von der Regierung klargestellt, dass es tatsächlich Gespräche mit der Schweizer Regierung gegeben habe und die Schweiz der Aufnahme Karls zustimme. Der Grund, warum die Regierung auf Karls Ausreise drängte wurde in Der Neuen Zeitung vom 21. März 1919 ausführlich dargestellt:

"Der gewesene Kaiser hat in seinem Verzicht vom 11. November 1918 bloß erklärt, sich der Regierungsgeschäfte zu enthalten und im übrigen sich der Entscheidung, die Deutschösterreich über seine künftige Staatsform trifft, zu fügen. Die Konstituante hat nun gesprochen und diese Entscheidung ist inappelabel. Die nächste Konsequenz wäre die freiwillige Abdankung für die Person des Kaisers wie für das ganze Haus Habsburg. Da diese bis zur Stunde aussteht, widerspricht das Verhalten von Eckartsau den Staatsgesetzen. Von dieser Rechtsauffassung ist Eckartsau unterrichtet, ohne daß die Staatsregierung es für notwendig gefunden hätte, irgend einen Druck auszuüben. Was die Sicherheitsverhältnisse von Eckartsau betreffen, so konnte sich der Exkaiser darüber nie beklagen. Doch gilt natürlich der staatliche Schutz nur dem gesetzlichen, aber nicht dem ungesetzlichen Verhalten des einzelnen und nur dem Staatsbürger, der nach den Gesetzen des Landes lebt. Außerdem darf nicht vergessen werden, daß Deutschösterreich mit den Nachbarstaaten in Frieden und Freundschaft leben will und es darum nicht zulassen kann, daß Bewohner des Landes gegen die Nachbarrepubliken sich Herrscherrechte anmaßen, die unserem Lande zur Verlegenheit werden können."

Die Ausreise Karls, gemeinsam mit seiner Ehefrau Zita und ihrer Kinder erfolgte tatsächlich wenige Tage später: Am Abend des 23. März 1919 verließ der "Hofzug" den heute aufgelassenen Bahnhof Kopfstetten im niederösterreichischen Marchfeld, um tags darauf die Schweiz zu erreichen.

Link:
Eckartsau (Die Neue Zeitung vom 21. März 1919)

20. März 1919

Scholastika am Achensee um 1920: Die Dampferstation
Scholastika am Achensee um 1920: Die Dampferstation, Foto von Heinrich Pogruitz; © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv

Am 20. März 1919 fand in Innsbruck eine lebhafte Sitzung der Tiroler Landesversammlung statt, in der auch über die Zukunft des Tiroler Achensees debattiert wurde, wie der Arbeiterwille kursorisch vermerkte:

"Über den Antrag, den Achensee zur Ausnützung seiner Wasserkräfte durch das Land anzukaufen, entstand eine lebhafte Debatte, die in der Nachmittagssitzung fortgesetzt werden wird."

So wie auch andernorts in Österreich, etwa in dem an Seen reichen Kärnten, wurde das Thema Wasserkraft nach dem Ersten Weltkrieg immer wichtiger, da dem Staat durch die Grenzziehungen von 1919 kaum andere Ressourcen zur Energiegewinnung zur Verfügung standen. In Tirol bot sich der Achensee für ein Speicherkraftwerk an.

Der erste urkundlich nachweisbare Eigentümer des Sees war die Abtei St. Georgenberg-Fiecht, die allerdings Mitte des 15. Jahrhunderts dazu gezwungen wurde den See an Herzog Siegmund zu verpachten. In den Jahrhunderten danach blieb der See zwar im Eigentum der Abtei, wurde aber durchgehend von den Landesfürsten genutzt, sodass der Eindruck entstand, es handle sich um herrschaftliches Eigentum. 1775 sollte der See dann tatsächlich zusammen mit anderen landesfürstlichen Fischereigewässern versteigert werden, wogegen sich die Abtei St. Georgenberg-Fiecht erfolglos zu wehren versuchte. Schließlich ersteigerte die Abtei selbst die Nutzungsrechte am Achensee.

1919 musste die Abtei den See unter Druck an die Stadt Innsbruck verkaufen, die 1924 die Tiroler Wasserkraft Aktiengesellschaft gründete, um den See für den Betrieb eines Speicherkraftwerks zu nutzen. Das Achenseekraftwerk wurde 1927 eröffnet und war zu diesem Zeitpunkt das größte Speicherkraftwerk Österreichs.

Link:
Aus der Tiroler Landesversammlung (Arbeiterwille vom 22. März 1919)

19. März 1919

Rita Sachetto
Rita Sachetto; © Das interessante Blatt vom 20. März 1919

Am 19. März 1919 trat Rita Sachetto gemeinsam mit Fritz Grünbaum und Richard Waldemar in der von Leo Ascher komponierten "ulkigen Pharaonenoperette Ramsenit […] voll drastischem Humor" auf. Das interessante Blatt berichtete über die die Tanzeinlagen der Sachetto im Wiener Varieté Ronacher:

"Im Varietéteil sind die Tanzproduktionen Rita Sachetto billig in den Vordergrund zu stellen. Charakteristisch und voll körperlicher Anmut weiß die Künstlerin durch ihre Tanzschöpfungen das Publikum zu fesseln."

Die 1880 in München geborene und von Isadora Duncan inspirierte Rita Sachetto kam bereits vor dem Ersten Weltkrieg nach Wien, wo sie als Tänzerin von Erfolg zu Erfolg eilte. Künstler, unter ihnen Josef Hoffmann, Gustav Klimt oder Koloman Moser, lagen ihr zu Füßen. 1908 tourte sie durch Nord- und Südamerika und trat sogar an der Metroplitan Opera in New York auf. 2 Jahre späte absolvierte sie eine Tournee durch das kaiserliche Russland. Während des Weltkriegs drehte sie in Dänemark Filme für das Filmunternehmen Nordisk. Nach dem Krieg trat sie immer wieder in Wien auf, unter anderem 1922 – wieder im Ronacher – in einem Sketch mit dem anrüchigen Titel "Cocain". 1930 heiratete Sachetto den polnischen Grafen Zamoyski, zog mit ihm nach Polen. Wenig später übersiedelte das Paar nach Genua, wo Rita Sachetto 1959, im 79. Lebensjahr stehend, verstarb.

Link:
Theater und Vergnügungen (Theaterprogramm im Neuen Wiener Journal vom 19. März 1919)

18. März 1918

Dr. Ignaz Gruber Freiherr von Menningen
Dr. Ignaz Gruber Freiherr von Menningen; © Österreichische illustrierte Zeitung vom 23. März 1919

Am 18. März 1918 verstarb der Gouverneur der Österreichisch-Ungarischen Bank, der Jurist und Universitätsprofessor Ignaz Gruber Freiherr von Menninger. Der prominente Währungsstatistiker und Finanzpolitiker begann seine Karriere als Rechtspraktikant am Wiener Landesgericht und wurde aufgrund seiner Habilitationsschrift über die Währungsverhältnisse der Monarchie 1890 in das Finanzministerium berufen, wo er es bis zum Rang eines Sektionschefs schaffte. Ab 1893 wirkte er als Privatdozent für Statistik an der juridischen Fakultät der Universität Wien, an der er 1902 zum ordentlichen Universitätsprofessor berufen wurde. 1910 trat das auf Lebenszeit bestellte Mitglied des Herrenhauses des österreichischen Parlaments in den Ruhestand, wurde aber in den Umbruchstagen 1918 gebeten, den währungspolitischen Übergang von der Monarchie zur Republik mit seiner Fachexpertise zu begleiten. Das Fremdenblatt berichtete:

"Das Hinscheiden des Gouverneurs Dr. Freiherrn von Gruber hat allgemeines Bedauern hervorgerufen. Die Nachricht wirkte umso erschütternder, als Dr. Freiherr v. Gruber noch vorgestern bei bestem Wohlsein der Beratung im Staatsamt für Finanzen über währungspolitische Fragen beigewohnt hatte. In der jetzigen stürmischen Zeit war der Posten des Vizegouverneurs und Gouverneurs des Noteninstituts, den Gruber bekleidet hat, kein Ruheposten. Und mit einem Eifer und einer Tatkraft widmete er sich den so schwerwiegenden Valutaangelegenheiten, daß der hochbetagte Mann sich förmlich zu verjüngen schien. In den letzten Wochen des Vorjahres hatte er sich noch einem gewissen Optimismus hingegeben und die Hoffnung ausgesprochen, daß sich die Liquidation der Nationalstaaten würde vermeiden lassen. Dann aber folgten die Vorstöße des tschechoslowakischen Finanzministers, und es ist kein Zweifel, daß diese Durchbrechungen der Währungseinheit ihm persönlich sehr nahe gegangen sind, Sie konnten ihn allerdings in seiner Politik absoluter Neutralität den Nationalstaaten gegenüber nicht beirren, und er hielt an ihr fest, wenn sie auch mancherlei Anfechtungen ausgesetzt gewesen ist. Bei Freund und Gegnern aber genoß er gleich hohes Ansehen, und das Bedauern war gestern allgemein, daß der unermüdlich tätige Mann durch einen plötzlichen Tod seiner Wirksamkeit entrissen wurde. Vor wenigenTagen erst wurde die Ernennung Dr. Freiherrn v. Grubers zum Gouverneur und des Geheimen Rates Dr. Freiherrn v. Wimmer zum Vizegouverneur verlautbart."

Der 1842 geborene und aus großbürgerlichem Haus stammende Menninger war Mitglied des sozialdemokratisch geprägten Vereins "Die Flamme", die sich im katholisch geprägten Österreich für die in der Monarchie verbotene Feuerbestattung einsetzte. Ignaz Gruber Freiherr von Menningers sterbliche Überreste wurden deshalb in das heute in der Tschechischen Republik liegende Reichenberg (Liberec) überführt, wo sich das erste und einzige Krematorium auf dem Boden des ehemaligen Habsburgerreiches befand (erbaut 1915-1917).

Link:
Der Tod des Gouverneurs Dr. Freiherrn v. Gruber (Fremdenblatt vom 18. März 1919)

17. März 1919

Abfahrt eines Sonderzuges vom Wiener Westbahnhof, der Kinder zur Erholung in die Schweiz brachte
Abfahrt eines Sonderzuges vom Wiener Westbahnhof, der Kinder zur Erholung in die Schweiz brachte; März 1919, Fotograf: Karl Seebald; © Wiener Bilder vom 30. März 1919

Im März 1919 gingen laufend Sonderzüge mit unterernährten Kindern aus Österreich in die Schweiz ab, wo die Kinder bei Pflegeeltern lebten, und sich erholen konnten. Die Nachfrage war sehr groß und die Dankbarkeit gegenüber der Schweiz äußerte sich in vielfältiger Weise. In Wien wurde beispielsweise der Schweizergarten zu Ehren der Schweiz benannt. Am Montag, dem 17. März 1919, berichtete der Allgemeine Tiroler Anzeiger von einem Kindertransport, mit dem Tiroler Kinder in die Schweiz reisten und kündigte gleich die Modalitäten für den nächsten an:

"Neuaufnahmen für den in Aussicht stehenden nächsten Transport werden ab Donnerstag täglich von 3 bis 5 Uhr entgegengenommen. Für die Aufnahme wolle eine ärztliche Bestätigung, daß das anzumeldende Kind frei von Infektionskrankheiten und infolge des Unterernährungszustandes erholungsbedürftig ist, beigebracht werden. Bereits früher angemeldete Kinder, die bisher noch nicht fortgekommen sind, brauchen nicht neu angemeldet zu werden. Jedoch ist ein ärztliches Zeugnis für sie nachzutragen. Die bisher übliche gemeinsame Untersuchung der Kinder vor Abgang des Transportes entfällt in Hinkunft. Diese Maßregeln sind durch die von den Schweizer Aerzten geübte strenge Untersuchung der Kinder bedingt."

Links:
Kinder in die Schweiz (Allgemeiner Tiroler Anzeiger vom 17. März 1919)
Heute vor 100 Jahren: Hilfslieferungen aus der Schweiz (30. Dezember 1918)

16. März 1919

Bregenz, die Hauptstadt Vorarlbergs, 1919
"Bregenz, die Hauptstadt Vorarlbergs. Eine Volksabstimmung in Vorarlberg ergab eine große Mehrheit für den Anschluß an die Schweiz"; © Österreichische Illustrierte Zeitung vom 16. März 1919

Am 16. März 1919 wurde – wie schon öfter nach Kriegsende – vom möglichen "Anschluss" Vorarlbergs an die Schweiz berichtet:

"In Vorarlberg gehen die Ansichten über den Anschluß an die Schweiz, an Deutschösterreich oder an Bayern weit auseinander. Neuerdings lehnte der Vorarlberger Landesrat es ab, die Abstimmung des Lustenauer Werbeausschusses für den Anschluß Vorarlbergs an die Schweiz nach Bern zu übermitteln, da diese Abstimmung inoffiziell war und dem neuen Landtage die Entscheidung über diese Frage vorbehalten werden müsse. Es wurden die Ausschüsse zur Prüfung und zur Fühlungnahme mit Wien, München und Berlin eingesetzt."

Tatsächlich fand am 11. Mai 1919 eine offizielle Volksabstimmung über diese Frage statt. Abgestimmt wurde über folgendes: "Wünscht das Vorarlberger Volk, dass der Landesrat der Schweizer Bundesregierung die Absicht des Vorarlberger Volkes, in die Schweizerische Eidgenossenschaft einzutreten, bekannt gebe und mit der Bundesregierung in Verhandlungen trete?"

Abgesehen von Bludenz und Hittisau sprachen sich alle Vorarlberger Gemeinden für die Aufnahme von Verhandlungen mit der Schweizer Regierung aus. Die Zustimmungsrate lag bei 81%. Da wenig später der Staatsvertrag von St. Germain die Grenzen Österreichs inklusive Vorarlbergs festlegte, wurde aber auf die Aufnahme von Verhandlungen verzichtet. Allerdings bestanden auch in der Schweiz Vorbehalte gegen eine Aufnahme Voralbergs als Schweizer Kanton, da dadurch der deutsche Sprachanteil gegenüber dem französischen, italienischen und rätoromanischen deutlich gestiegen wäre, auch konfessionell wäre es zu einer starken Verschiebung zugunsten des Katholizismus gekommen. Da der Zusammenschluss mit der Schweiz nicht gelang, sprach man in Vorarlberg mancherorts vom eigenen Land bitter als "Kanton Übrig".

Links:
Die Anschlußfrage Vorarlbergs (Das interessante Blatt vom 16. März 1919)
Weiterlesen: Die Vorarlberger Anschlußfrage (ausführlicher Artikel im Bludenzer Anzeiger vom 15. März 1919)

15. März 1919

Staatskanzler Dr. Renner verliest in der Sitzung der Nationalversammlung vom 15. März das Programm der neugewählten Regierung
"Staatskanzler Dr. Renner verliest in der Sitzung der Nationalversammlung vom 15. März das Programm der neugewählten Regierung: Rechts vom lesenden Staatskanzler Dr. Renner Vizekanzler Fink, daran anschließend die Staatssekretäre Stöckler und Zerdik, dann Unterstaatssekretär Miklas und Waiß und am Ende der Ministerbank Dr. v. Bartusch und Dr. Paul; links vom Staatskanzler sitzen die Staatssekretäre Hanusch, Dr. Bauer und Dr. Deutsch, die Unterstaatssekretöre Glöckel und Dr. Ellenbogen und am Ende der Ministerbank die Staatssekretäre Dr. Schumpeter und Dr. v. Loewenfeld-Ruß"; © Wiener Bilder vom 23. März 1919

Die Wiener Bilder berichteten ausführlich über die am 15. März 1919 gebildete erste demokratisch legitimierte österreichischen Regierung:

"Am Samstag, den 15. März, ist die erste Regierung aus der Wahl der neuen Nationalversammlung geschaffen worden, der die Geschicke der jungen Republik Deutschösterreich anvertraut sind. Die beiden führenden Parteien, die Sozialdemokraten und die Christlichsozialen haben sich zu diesem Ministerium geeinigt, dem der neue Kanzler Dr. Renner die treffende Bezeichnung gegeben, daß es Arbeiter und Bauer zu gemeinsamer Arbeit vereinige. Das Bürgertum hat sich bei der Bildung der neuen Regierung leider schmollend abseits gestellt und sich freie Hand vorbehalten […] Eine Lücke zeigt die neue Regierung noch insofern, als für das Staatsamt für Aeußeres Dr. Otto Bauer nur die Leitung übernimmt: für so lange, als der zukünftige Staatssekretär noch nicht bestimmt ist. Die Besetzung durch Dr. Franz Klein, die von der sozialdemokratischen Partei befürwortet worden ist, war im Augenblick nicht möglich, weshalb sich Dr. Bauer zu der vorläufigen Weiterleitung bereit erklärt hat. Aber Dr. Bauer wie die sozialdemokratische Partei wünschen entschieden, daß Dr. Bauer seine ganze Kraft der alles überragenden Aufgabe der Sozialisierung widme – er ist zum Präsidenten der Sozialisierungskommission gewählt worden –, so daß sein Verbleiben auf dem Ballhausplatz lediglich davon abhängt, daß jemand gefunden wird, dem man das Amt ruhig anvertrauen kann."

Otto Bauer blieb bis Juli 1919 Staatssekretär des Äußeren und trat zurück, als sich die deutschösterreichische Anschlusspolitik aufgrund des Drucks der Siegermächte des Ersten Weltkriegs nicht umsetzen ließ. Sein Amt wurde bis zum Ende der Regierungsperiode von Karl Renner ausgeübt. Otto Bauer leitete parallel zu seinem Regierungsamt Bauer die vom Parlament eingesetzte Sozialisierungskommission, in der Ignaz Seipel die Christlichsoziale Partei vertrat. Der größte Erfolg dieser Kommission war der Beschluss über die Betriebsräte vom 15. Mai 1919. Da die Kommission über die Verstaatlichung von Privatunternehmen keinen Konsens herstellen konnte, stellte sie ihre Tätigkeit allerdings bald ein.

Link:
Das erste Ministerium der Republik Deutschösterreich (Wiener Bilder vom 23. März 1919)

14. März 1919

Die neue österreichisch-italienische Grenze zwischen Winnbach (Südtirol) und Arnbach(Osttirol) im Jahr 1919
Die neue österreichisch-italienische Grenze zwischen Winnbach (Südtirol) und Arnbach(Osttirol) im Jahr 1919; © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv

Mit dem Entstehen von neuen Nationalstaaten auf dem Gebiet der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie war es auf einmal notwendig auf Reisen einen Pass mitzuführen. Nicht nur waren 1919 Pässe notwendig, es mussten zusätzlich auch Visen eingeholt werden, was das Reisen zusätzlich erschwerte. Die Illustrierte Kronen-Zeitung erinnerte ihre Leserinnen und Leser am 14. März 1919 über die neuen Einschränkungen im Reiseverkehr:

"In Wien ansässige Personen haben sich bei der Polizeidirektion ihren Paß zu besorgen, die in einem andern Orte Wohnenden bei der zuständigen Bezirkshauptmannschaft. Will jemand das Staatsgebiet eines der Nationalstaaten, die auf dem Boden der Monarchie entstanden sind betreten, so hat er sich auf dem Passe das Paßvisum der betreffenden Gesandtschaft in Wien oder der bezüglichen Paßstelle zu verschaffen. Will zum Beispiel jemand von Wien nach Prag reisen, so muß er sich den Reisepaß bei der Wiener Polizeidirektion lösen und ihn mit dem Visum des tschechischen Gesandten versehen lassen. Das Visum erhält man Josefstädterstraße 103 und Landstraße Hauptstraße Nr. 88. Eine Reise von Prag nach Wien erfordert die Beschaffung des Passes bei der Prager Polizei und nachher des Visums beim deutschösterreichischen Gesandten in Prag. Hält sich ein Reisender, der von Deutschösterreich nach dem Auslande oder von dort nach Deutschösterreich reist, in irgendeinem Orte auf, so muß er den Paß gleich nach seinem Eintreffen dortselbst – in Wien oder Prag bei der Polizei, sonst bei der betreffenden Bezirkshauptmannschaft – neuerlich vidieren lassen. Die Ueberwachung des Reiseverkehrs obliegt den alten und neu errichteten Grenzkontrollstellen, den Grenzpolizeikommissariaten und Polizeiexposituren. Die Grenzkontrolle wird an den nachfolgenden Eisenbahnübergangspunkten ausgeübt werden: Feldkirch, Lustenau, Lindau-Reutin, Kufstein, Mitterwalde-Scharnitz, Salzburg, Simbach-Braunau, Passau-Schärding, Freistadt, Gmünd, Waidhofen an der Thaya, Drosendorf, Raabs an der Thaya, Retz, Laa an der Thaya, Hohenau, Marchegg, Hainburg, Bruck an der Leitha, Ebenfurt, Wiener-Neustadt, Fehring, Leibnitz, Wolfsberg, Klagenfurt und Villach. Der Passantenverkehr an den übrigen Grenzen wird durch die Gendarmerie überwacht."

Link:
Der Paßzwang (Illustrierte Kronen-Zeitung vom 14. März 1919)

13. März 1919

Staatssekretär für Justiz, Dr. Julius Roller
"Der bisherige Staatssekretär für Justiz, Dr. Julius Roller, wurde zum Präsidenten des deutschösterreichischen Obersten Gerichtshofes ernannt"; © Das interessante Blatt vom 13. März 1919

Am 13. März 1919 berichtete Das interessante Blatt über die Ernennung Julius Rollers, eines aus Böhmen stammenden Juristen, der nach dem Zusammenbruch der Monarchie für die deutschösterreichische Staatsbürgerschaft optierte, zum Präsidenten des Obersten Gerichtshofes. Die Allgemeine Österreichische Gerichtszeitung würdigte ihn:

"Staatssekretär Dr. Julius Roller, der das Staatsamt für Justiz während einer kurzen aber äußerst wichtigen Übergangszeit mit Umsicht geleitet hat, bleibt dem öffentlichen Leben in einer Funktion von hervorragender Wichtigkeit erhalten, indem er an die Spitze des Obersten Gerichtshofes getreten ist. Diese Berufung wurde von den deutschösterreichischen Juristen und besonders von den Richtern mit großer Befriedigung begrüßt; haben sie doch alle Ursache der kurzen Amtstätigkeit Dr. Rollers eine dankbare Erinnerung zu bewahren. Mitten in der Zeit gewaltiger Umwälzungen, wo andere Fragen vielleicht mit größerem Nachdruck die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zogen, hat er die Notwendigkeit erkannt, die Grundlagen zu sichern, auf denen die Rechtspflege, ruht. Und so ist es wohl zum guten Teile auch ihm zu danken, daß in dem Grundgesetz über die richterliche Gewalt ein Palladium der richterlichen Unabhängigkeit geschaffen wurde."

Julius Roller absolvierte das Studium der Rechtswissenschaften und trat während seiner Wiener Studienzeit der deutschnationalen Burschenschaft Bruna-Sudetia bei. Als Parlamentsabgeordneter vertrat er deutschradikale und später großdeutsche Standpunkte. 2 Mal hatte Roller das Amt des Staatssekretärs für Justiz inne, einmal von von Oktober 1918 bis März 1919 und ein zweites Mal von Juli bis November 1920. 1919 wurde er mit dem Amt des ersten Präsidenten des Obersten Gerichtshofes betraut, das er bis 1927 bekleidete. Für seine Tätigkeit als Staatssekretär 1920 hatte sich Julius Roller ein Rückkehrrecht an den Obersten Gerichtshof ausbedungen.

Roller, der bereits vor 1938 Mitglied der NSDAP wurde, wirkte in der Ersten Republik in der "Österreichisch-deutschen Arbeitsgemeinschaft" mit, die den "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich betrieb und "leistete […] so wertvolle Arbeit für den Anschluß, den als Mitglied der NSDAP erleben zu können, ihn mit größter Genugtuung und Freude erfüllte." (Salzburger Volksblatt vom 28. Oktober 1942)

Link:
Der Wechsel im deutschösterreichischen Staatsamt für Justiz (Allgemeine Österreichische Gerichtszeitung vom 29. März 1919)

12. März 1919

Rosegg, von wo die Drau in den Wörthersee umgeleitet werden sollte, um das Drau-Wörthersee-Kraftwerk zu versorgen
Rosegg, von wo die Drau in den Wörthersee umgeleitet werden sollte, um das Drau-Wörthersee-Kraftwerk zu versorgen, Foto um 1930; © Österreichische Nationalbibliothek, Ansichtskarten Online AKON

Nach dem Ersten Weltkrieg erlangte die Wasserkraft in Österreich schnell große Bedeutung, da das Land von den großen Kohlenrevieren, die nun im Ausland lagen, abgeschnitten war. Ein großes Wasserkraftprojekt, dass 1919 heftig diskutiert, aber nicht verwirklicht wurde, war das Drau-Wörthersee Kraftwerk. Das heute fast vergessene Projekt sah vor die Drau bei Rosegg nach Norden in den Wörthersee umzuleiten, um den See als Ausgleichsbecken und das starke Gefälle zwischen dem nahe Klagenfurt liegenden Maiernigg und Maria Rain für ein Kraftwerk zu nutzen. Am südöstlichen Rand von Velden, der Einleitungsstelle der Drau in den See, und in Maria Rain, wo die Drau wieder in ihr altes Flussbett zurückgeleitet worden wäre, waren Kraftwerksbauten vorgesehen.

Am 25. Februar 1919 wurde das Projekt in der Klagenfurter Handelskammer im Rahmen eines Lichtbildvortrags der Öffentlichkeit vorgestellt und stieß dort auf weitgehende Zustimmung, während die direkten Seeanrainer ablehnend blieben. Auch der sozialdemokratische Kärntner Arbeiterwille beschäftigte sich mit dem Kraftwerksprojekt, anerkannte zwar die Notwendigkeit des Ausbaus der Wasserkraft, blieb im Fall des Drau-Wörthersee Kraftwerks aber skeptisch. Ausschlaggebend dafür waren ökologische und wirtschaftliche Gründe (der Bau sollte von einem Wiener und nicht von einem einheimischen Unternehmen durchgeführt werden), aber auch der "populistische" Vortrag der Kraftwerksbetreiber in der Klagenfurter Handelskammer hatte Skepsis aufkommen lassen, wie der Arbeiterwille am 12. März 1919 feststellte:

"Die Seeanrainer haben bereits ihre Bedenken geäußert; sie fürchten, daß diese Großanlage, die 42.000 Pferdekräfte im Jahresdurchschnitt liefern soll, zwar dem Lande einen großen wirtschaftlichen Vorteil bringen, aber zugleich die Badeindustrie auf das schwerste schädigen wird. Der See ist ein ausgesprochener Badesee, das Zentrum der heimischen Fremdenindustrie, die Durchleitung des kalten Drauwassers könnte ihm, wird eingewendet, durch bedeutende Temperaturveränderung, Schwankungen des Seespiegels, Wirbelbildung, Verschmutzung etc. den Charakter eines Badesees nehmen (…) Ing. Janesch, der geistige Urheber des Projektes, versuchte nun alle Bedenken zu zerstreuen. Ob es ihm gelungen ist, bleibe dahingestellt, für uns war bis Beweisführung zu populär. Gewissermaßen durch einen 'technischen Witz', eine schwimmende Konstruktion, soll nicht nur die Temperatur des Sees nicht sinken, sondern länger auf gleicher Höhe erhalten, ja im Winter die Eisbildung früher ermöglicht werden, so daß sogar Klagenfurt von seinen lästigen Winternebeln schneller erlöst werden könnte. Wir zweifeln nicht an Übermöglichkeiten technischer Leistungen, aber über ihre Triumphe wollen wir uns erst dann freuen, wenn wir sie sehen."

Link:
Drau-Wörthersee-Werke (Arbeiterwille vom 12. März 1919)