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Von Tag zu Tag 1917 bis 1919

11. März 1919

Ein Caproni-Doppeldecker am Flugfeld in Wien-Aspern am 9. März 1919
Ein Caproni-Doppeldecker am Flugfeld in Wien-Aspern am 9. März 1919, Foto: C. Zapletal; © Wiener Bilder vom 16. März 1919

"Heute sind zwei in Padua aufgestiegene Caproni-Flieger hier eingetroffen, die sehr viel Post von unseren Kriegsgefangen in San Pellagio an Bord führten. Es soll ein regelmäßiger Flugdienst Padua-Wien eingeführt werden. Die beiden Caproni haben den mehr als 500 Kilometer langen Weg ohne Zwischenlandung in der Zeit zwischen ½ 11 Uhr vormittags und ½ 4 Uhr nachmittags ausgeführt, was angesichts der heutigen atmosphärischen Lage eine bedeutende Leistung ist", meldete die Neue Freie Presse am 11. März 1919.

Schon 2 Tage zuvor war eine weitere Caproni-Maschine aus Padua am Flugfeld in Wien-Aspern gelandet. Der italienische Kommandant des Flugzeuggeschwaders Oberstleutnant La Polla lud sogar zwei Staatssekretäre der deutschösterreichischen Regierung zu einem Rundflug über Wien ein: Der für das Heerwesen zuständigen Staatssekretär Josef Mayer und sein Unterstaatssekretär Erwin Waihs genossen laut zeitgenössischen Berichten diesen Rundflug bei herrlichem Frühlingswetter.

Nach dem Ersten Weltkrieg sollten die damals als "Großkampfflugzeuge" bezeichneten Caproni-Maschinen für zivile Zwecke verwendet werden. Dabei kam es im August 1919 bei einem Testflug von Mailand nach Venedig am Rückflug nach Mailand kurz vor der Landung zu einem verheerenden Flugzeugabsturz, der als bis dahin schwerstes Flugzeugunglück der Geschichte 17 Tote forderte, darunter die beiden Piloten, etliche prominente italienische Journalisten und 7 Mechaniker der Caproni Werke.

Links:
Nachrichten von unseren Kriegsgefangenen aus San Pellagio (Neue Freie Presse vom 11. März 1919)
Heute vor 100 Jahren: Ein von der k.u.k. Armee erbeutetes Caproni Flugzeug

10. März 1919

Eine Szene aus dem Wiener Prater mit Automobil samt geöffneter Wagentüre
Eine Szene aus dem Wiener Prater; © Allgemeine Automobilzeitung vom 30. November 1919

Das in Wien erscheinende Sportblatt am Mittag kritisierte am 10. März 1919 die Art und Weise wie damals Autotüren, ein "notwendiges Übel" wie das Sportblatt meinte, üblicherweise verbaut wurden. Diese wurden nämlich zumeist nach hinten geöffnet, was bei einer – bei frühen Automobilen öfter vorkommenden – Fehlfunktion, etwa unbeabsichtigtem Aufgehen während der Fahrt, verheerende Folgen haben konnte:

"Bei den meisten unserer Automobile werden die Türen so eingehängt, dass sie sich gegen das Hinterende des Wagens hin öffnen. Diese Anordnung ist unvorteilhaft und die umgekehrte Anbringung, die insbesondere bei englischen Wagen häufig vorkommt, entschieden vorzuziehen. Geht nämlich die Türe nach vorne auf, so wird ihr nicht nur, sobald sich der Wagen in Fahrt befindet, schon durch die auftretenden Massenkräfte die Tendenz erteilt, geschlossen zu bleiben, sondern sie wird auch, falls sie sich dennoch öffnet und gegen ein Hindernis stösst, von diesem wieder zugedrückt. Im anderen Falle dagegen wird das Hindernis mitgenommen oder allenfalls auch die Türe abgebrochen. Es ist durchaus nicht einzusehen, welche Nachteile es haben sollte, die Türe so einzuhängen, dass sie nach vorne aufgeht und man begreift daher nicht recht, warum dies nicht ausnahmslos geschieht. Eine radikale und in mancher Hinsicht unübertrefflich gute Lösung der Türenfrage weisen übrigens, wie ja vielfach bekannt sein dürfte, die offen karossierten Rolls-Royce-Wagen auf: sie haben nämlich überhaupt keine Türen. Die Seitenwand ist so niedrig gehalten, dass das Darübereinsteigen keinerlei Schwierigkeit oder Unbequmemlichkeit verursacht. Durch diese Bauart sind auf die einfachste Art alle Unannehmlichkeiten der Türe, wie schlechtes Schliessen, unerwünschtes Aufgehen, Auftreten von Geräuschen infolge der Fahrterschütterung u.s.w., vermieden, überdies wird hiebei eine Gewichtsverminderung erzielt. Bei geschlossenen Karosserien, für die nun einmal die Türen ein notwendiges Uebel bleiben, sollte die nach vorne hin öffnende Türe ausnahmslos angewendet werden."

Link:
Die Anbringung der Automobiltüren (Sportblatt am Mittag vom 10. März 1919)

9. März 1919

Der Start zum Mannschaftslaufen am 9. März 1919 in Hütteldorf, das mit dem überlegenen Sieg des Wiener Associations-Football-Clubs – Erich von Stellwag, Lasch, Kosak – endete
Der Start des Mannschaftslaufs am 9. März 1919 am W.A.F-Platz in Wien Hütteldorf, der mit einem Sieg des Wiener Associations-Football-Clubs (W.A.F.) mit den Läufern Stellwag, Lasch und Kosak endete; im Hintergrund der Bahnhof Hütteldorf; © Wiener Bilder vom 16. März 1919

Das Mannschaftslaufen des Wiener Associations-Football-Clubs W.A.F. am 9. März 1919 war die erste öffentliche Sportveranstaltung des Jahres in Wien und lockte zahlreiche Zuschauerinnen und Zuschauer in den Wiener Vorort Hütteldorf. Es traten Dreierteams des W.A.F., der 3 Teams stellte, der Vienna, Rapid und der Hakoah gegeneinander an. Der Straßenlauf begann um 14:30 und führte über insgesamt 5 Kilometer vom W.A.F.-Platz, der sich gegenüber dem Bahnhof Hütteldorf an der Ecke zur Rettichgasse befand, nach Auhof und retour:

"Die Mannschaft des W.A.F. bestand nur aus drei fast gleichwertigen Läufern, die durch die fortgeschrittene Rennverfassung gegen alle Gegner im Vorteil waren. Die beiden 'Schnitzeljagden' hatten doch dazu beigetragen, den Übergang von der Winterruhe zu den Frühjahrskämpfen zu erleichtern. Bei Rapid überraschte Hierrath durch die Leichtigkeit, mit der er die Strecke bewältigte. Opfolder und Kühnel haben heuer anscheinend noch sehr wenig Arbeit hinter sich. Die Vienna besitzt in Schramm und Stefanovits zwei unscheinbare, aber zähe und anscheinend sehr ambitionierte Läufer, während Ausdauer nicht die stärkste Seite ihres dritten Mannes, Kastner, zu sein scheint."

Die Siegerzeit des Teams W.A.F. I betrug 19 Minuten und 44 Sekunden, also durchschnittlich etwa 6 Minuten und 35 Sekunden pro Läufer. Als zweite Mannschaft erreichte das Team von Rapid mit etwa 20 Sekunden Rückstand das Ziel, ihnen folgten die Teams von Vienna, WAF II und III sowie die Mannschaft der Hakoah.

Der Wiener Associations-Football-Club W.A.F., der 1914 österreichischer Meister und 1922 österreichischer Pokalsieger wurde, existiert bis heute und firmiert nach zahlreichen Fusionierungen mit anderen Vereinen als WAF Vorwärts Brigittenau. Auf dem ehemaligen W.A.F.-Platz in Hütteldorf stehen heute Wohnhäuser.

Link:
Das Mannschaftslaufen in Hütteldorf (Illustriertes Sportblatt vom 14. März 1919)

8. März 1919

Käthe Rantzau in der komischen Oper "Die galante Markgräfin" von Oskar Straus, 1919
Käthe Rantzau in der komischen Oper "Die galante Markgräfin" von Oskar Straus; © Wiener Salonblatt vom 8. März 1919

1878 kam in Dänemark die spätere Sopranistin Käthe Rantzau zur Welt. Nach einigen Auftritten in Kopenhagen wurde sie 1912 an das Theater an der Wien engagiert, wo sie sogleich zum Publikumsliebling avancierte. Es dauerte nicht lang, bis sie an die Volksoper geholt wurde und auch immer wieder Gastspiele an der Wiener Staatsoper gab. Das Wiener Salonblatt veröffentlichte am 8. März 1919 ein Foto der Rantzau in ihrer aktuellen Rolle der Markgräfin in Oskar Straus' komischer Oper "Die galante Markgräfin" mit einem kurzen Bericht:

"Die charmante junge Künstlerin, eines der meistbewundertsten und beliebtesten Mitglieder der Volksoper, ist eine geborene Dänin und sang in der ersten Zeit ihrer Künstlerkarriere in Kopenhagen einige Wiener Operetten als Gast. Ihr Ehrgeiz aber strebte höher, sie wollte viel lernen und zur Oper übergehen. Da jedoch für letztere in der dänischen Hauptstadt nur ein sehr beschränktes Tätigkeitsfeld vorhanden, ein Teil der dortigen Bevölkerung ist ja gewiß sehr für große Musik und Gesang, der Hauptteil aber liebt nur leichtere Musik, begab sich Frl. Rantzau Studienhalber nach London und Berlin, war aber mit selben erst hier in Wien befriedigt. Die alte Donaustadt liebt sie sehr und will auch trotz mehrerer sehr guter Engagements nach Deutschland bei uns bleiben […] Für diesen Sommer lud sie Siegfried Wagner ein, nach Bayreuth zu kommen, um dort zu studieren."

Tatsächlich wurde die Rolle der "Sieglinde" in Richard Wagners "Walküre" später eine ihrer Paraderollen. Neben ihrer Rolle als Opern- und Operettendiva war Käthe Rantzau aber auch als "Luxusauto-Diva" (Die Stunde vom 21. Juni 1926) bekannt, die mit ihrem französischen "Amilcar Grand Sport" oder einem "Ansaldo" aus Genua zahlreiche Preise bei Autowettfahrten gewann, sei es bei Damenrennen in der Prater Hauptallee in Wien, bei Rennen am Semmering oder bei den Tauernrennen. In den 1930er Jahren wirkte Käthe Rantzau außerdem als Gesangslehrerin am Neuen Wiener Konservatorium in einem bis heute bestehenden Gebäude in der Schönburgstraße 16 in Wien-Wieden. Sie verstarb nach kurzer Krankheit am 7. August 1936 und wurde tags darauf im Wiener Krematorium eingeäschert.

Link:
Theater, Konzert, Kunst, Wissenschaft, Literatur (Wiener Salonblatt vom 8. März 1919)

7. März 1919

Die Banknotenabstempelung in Deutschösterreich 1919
"Zur Notenabstempelung in Deutschösterreich: Die Banknotenstapel in den Kassenräumen der österreichisch-ungarischen Bank in Wien"; © Wiener Illustrierte Zeitung vom 9. März 1919

Am 7. März 1919 veröffentlichte das Grazer Tagblatt ein Aviso an seine Leserinnen und Leser betreffend die deutschösterreichische Währung. So wie in den anderen Nachfolgestaaten der habsburgischen Monarchie waren unkontrollierte Mengen altösterreichischer Banknoten und Briefmarken im Umlauf. Um die finanztechnische Kontrolle zurückzugewinnen, wurde eine bestimmte Menge an Banknoten von der ehemaligen österreichisch-ungarischen Bank, der heutigen Nationalbank, abgestempelt und mit einer Übergangszeit zur einzig gültigen Währung erklärt:

"Darnach werden in Deutschösterreich im Umlaufe befindliche Noten der Österr. – Ungar. Bank mit Ausnahme der Ein- und Zweikronennoten durch einen amtlichen Aufdruck in der Weise gekennzeichnet, daß jede Note mit der deutschen Textseite einen roten Aufdruck in Form einer aus runden Guilloche-Rosetten gebildeten Vignette erhält, in deren Längsrichtung in roter Schrift das Wort 'Deutschösterreich' angebracht ist […] Als Frist für die Kennzeichnung der Banknoten wird die Zeit zwischen 12 und 24. März festgesetzt. Innerhalb dieser Frist sind von den Besitzern die noch nicht gekennzeichneten Noten zum Umtausch gegen gestempelte Noten einzureichen."

Links:
Die Banknotenstempelung (Grazer Tagblatt vom 7. März 1919) 
Weiterlesen: Die Währungstrennung (Mag. Günter Ehweiner, aus "Geld- und Bankwesen in der ersten Republik")

6. März 1919

Kundgebung für den Anschluss Westungarns (des Burgenlandes) an Österreich auf der Wiener Ringstraße am 2. März 1919
Kundgebung für den Anschluss Westungarns (des Burgenlandes) an Österreich auf der Wiener Ringstraße am 2. März 1919; © Wiener Bilder vom 9. März 1919

1919 kämpfte die deutschösterreichische Regierung in den Staatsvertragsverhandlungen in St. Germain um die Angliederung Westungarns, des heutigen Burgenlands, an die Republik Deutschösterreich. Vielen Österreicherinnen und Österreichern war das "Land der Heanzen" oder "Heinzenland", wie das Gebiet auch genannt wurde, großteils unbekannt. Aus diesem Grund erschienen in den Tageszeitungen immer wieder Reiseberichte über das exotische Land. 1919 kam deshalb auch eine Broschüre mit dem Titel "Heinzenland. Deutsches Neuland im Osten" auf den Markt. Das Neue Wiener Journal stellte die Broschüre am 6. März 1919 ausführlich vor, in der der Autor Albert Winterstetten die Burgenländer den neugierigen Leserinnen und Lesern so vorstellte:

"Sie sind ein arbeits- und- unternehmungslustiges, aber ebenso lebensfreudiges Völkchen, die Heinzen, und besitzen eine bodenständige, kräftig entwickelte Volksdichtung. Zahlreiche geistliche und weltliche Weihnachts- und Festspiele, Schwänke, Sagen und Märchen in heinzischer Mundart bekunden ihre poetische Begabung, die sich durch frische Sinnlichkeit und schalkhaften Humor auszeichnet. Humor und Spottlust sind überhaupt im Heinzenland zu Hause. Im ganzen Lande gehen die Schildbürgerstückchen um, mit denen eine Ortschaft die andere verspottet. So erzählt man von den Günsern, sie hätten, als ein Reiteroberst bei ihnen Pferdekotzen bestellte und als Muster einen alten durchlöcherten Kotzen hergab, die Waren mit Löchern genau an den gleichen Stellen geliefert. Man nennt die Umwohner des Neusiedlersees 'Hechtstutzer', die Rechnitzer 'Lercherltreiber', die Rattersdorfer 'Pfluiradheinzen', und kennt sonst noch: Pumheanzen, Spiegel-, Knödel-, Schuißprügel-, Knofel-, Murken-, Golgenheanzen usw."

Im Staatsvertrag von St. Germain zwischen Österreich und den Siegermächten des Ersten Weltkriegs wurde Westungarn 1919 Österreich zugesprochen, was den Widerstand ungarischer Freischärler hervorrief. Erst weitere Verhandlungen, in denen Italien vermittelte, und eine Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit Soprons (Ödenburg), die zugunsten Ungarns ausging, führten dazu, dass das österreichische Bundesheer im Dezember 1921 das Burgenland endgültig für Österreich in Besitz nehmen konnte.

Links:
Heinzenland. Die Deutschen Westungarns (Mittagsblatt des Neuen Wiener Journals vom 6. März 1919) 
Heute vor 100 Jahren: Autonomie für Westungarn (4. Dezember 1918)

5. März 1919

Dr. Ernest von Koerber
Dr. Ernest von Koerber; © Das interessante Blatt vom 13. März 1919

Am 5. März 1919 verstarb Ernest von Koerber in einem Sanatorium in Baden bei Wien. Koerber bekleidete unter Kaiser Franz Joseph verschiedene Ministerposten und war von 1900 bis 1904 Ministerpräsident. 1916, nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Karl Graf von Stürgkh, wurde er als dessen Nachfolger wiederum in das Amt des Ministerpräsidenten berufen. Da der liberale und auf politischen Ausgleich eingestellte Koerber mit Kaiser Franz Josephs Nachfolger, Kaiser Karl, keine Arbeitsebene fand (Kaiser Karl verweigerte den Eid auf die Verfassung), wurde Koerber noch im Dezember 1916 zum Rücktritt genötigt. Er galt als loyal zur Monarchie und versuchte diese ab 1900 mit einem Infrastrukturprojekt, dem "Koerber-Plan", auf neue Beine zu stellen. Dieser Koerber-Plan galt Zeitgenossen als das umfassendste Reformprogramm, dass die Monarchie je gesehen hatte. Allerdings wurde der Koerber-Plan, der unter anderem den Bau zahlreicher neuer Eisenbahnlinien und Wasserwege vorsah und den allgemeinen Wohlstand heben sollte, nur teilweise umgesetzt.

Am 10. März 1919 widmete der Historiker, Autor und Journalist Richard Charmatz Ernst von Koerber in dem in Wien erscheinenden Blatt Der Morgen einen empathischen und ausführlichen Nachruf:

"Als Österreich zerfiel, hatte das Leben von Dr. Ernest von Koerber seinen Inhalt verloren. Es war dem alten Staate gewidmet, ihm mit heißester, reiner Liebe hingegeben und deshalb zwecklos, als der Gegenstand der Verehrung, und Sorge, Leidenschaft und Opferfreudigkeit nicht mehr bestand. Der sonst so harte Tod brachte einem innerlich gebrochenen, entwurzelten Manne milde Erlösung. Dr. von Koerber wurde ein wirklich Großer in dem Reiche der Kleinen, der herrschenden Halbbegabungen oder Unfähigen; er entfaltete seine sprühende, vielseitige, anregungsvolle Persönlichkeit allen trägen Widerständen, boshaften Tücken und quälenden Erschwerungen zum Trotze. Hätte ihn ein gütiges Schicksal in die reine, freie Luft Englands gestellt, er wäre sicherlich einer von denen geworden, die man heute preisend Lloyd George nennt. Wer weiß aber, ob Lloyd George bei uns dazu gekommen wäre, ein Koerber zu sein! Wie freigiebig ist in Österreich mit der stolzen Bezeichnung Staatsmann umgegangen worden, wie viele Zwerge haben sich so nennen lassen und als Riesen gefühlt! Kaiser Franz Josefs letzter Ministerpräsident war jedoch nicht nur der zufällige Träger einer hohen Würde und schweren Bürde, sondern ihr geborener Anwärter, einer, der alle Gaben überreich besaß, die den vorbestimmten Lenker eines modernen Gemeinwesens kennzeichnen."

Link:
Der Staatsmann des Volkes (Der Morgen vom 10. März)

4. März 1919

6 der 7 weiblichen sozialdemokratischen Abgeordneten am Tag ihrer Angelobung am 4. März 1919
6 der 7 weiblichen sozialdemokratischen Abgeordneten am Tag ihrer Angelobung am 4. März 1919; die 8. abgeordnete Frau gehörte der Christlichsozialen Partei an; © Wiener Bilder vom 9. März 1919

Am 4. März 1919 tagte erstmals das am 16. Februar 1919 gewählte erste Parlament der jungen Republik. Die Wiener Bilder brachten dazu eine Fotostrecke, bei der besonders auf die weiblichen Abgeordneten geachtet wurde, da Frauen erstmals in der Geschichte des Parlamentarismus auf österreichischem Boden die Rolle von Parlamentarierinnen einnehmen konnten. 8 Frauen, 7 Sozialdemokratinnen und eine Christlichsoziale, nahmen 1919 in der konstituierenden Nationalversammlung Platz, was einem Frauenanteil von knapp über 5% betrug:

"Ernst und würdig wurde am 4. März im Wiener Parlamentsgebäude die erste Nationalversammlung Deutschösterreichs eröffnet. Langsam füllte sich der Saal. Als erste erschienen die Christlichsozialen, ihnen folgten die deutschen Agrarier. Punkt 11 Uhr traten, mit roten Nelken geschmückt, die Sozialdemokraten ein; es war eine geschlossene Reihe, deren Einzug sich wirkungsvoll gestaltete. In ihrer Mitte kamen die weiblichen Abgeordneten. Sieben an der Zahl, jede mit einer Aktentasche in der Hand, einfach, aber mit voller Sicherheit des Auftretens; sie haben die ersten Plätze im dritten Bänkesegment gewählt. Kaum hatten die Abgeordneten die Sitze eingenommen, eröffnete Präsident Seitz die Sitzung, nahm die Angelobung des ältesten Mitgliedes, des Abgeordneten David entgegen, des Alterspräsidenten. Ein Siebziger, erfreut sich Abgeordneter David einer erfreulichen Rüstigkeit, und seine kräftige Stimme beherrscht den Saal, als er die Versammlung begrüßte. Die Sozialdemokraten haben die Linke des Hauses, die Christlichsozialen die Rechte besetzt und das Zentrum bildet das bescheidene Häuflein der bürgerlichen Parteien […] Klein ist das neue Parlament; man sieht, nach einem alten Scherzworte, viele, die nicht da sind. Statt 516 werden jetzt 159 Abgeordnete tagen; raschere Arbeit kann also geleistet werden; auch dies ist eine Hoffnung und nicht die geringste der Bevölkerung."

Die Zahl der Nationalratsabgeordneten sollte sich nach seiner Konstituierung 1919 noch einige Male ändern: 1920 wurde sie auf 183 hinaufgesetzt, ab 1923 betrug sie 165. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Zahl von 165 beibehalten und erst 1971 wieder, so wie im Jahr 1920, auf 183 angehoben. Da das Herabsetzen der Mandatszahl Mandate "teurer" macht (eine Partei benötigt mehr Stimmen, um ein Mandat zu erlangen), war die Reduzierung der Mandate 1923 ganz im Interesse der dominierenden Christlichsozialen Partei (die 1923 etwa 45% erreichte), aber auch die Sozialdemokratie profitierte von der Reform (39%). Die Verlierer waren die Großdeutsche Partei, der Landbund und einige Kleinparteien.

Links:
Eröffnung der deutschösterreichischen Nationalversammlung (Wiener Bilder vom 9. März 1919)
Heute vor 100 Jahren: Die Wahl zur konstituierenden Nationalversammlung (16. Februar 1919)

3. März 1919

Der Flugplatz Berlin-Johannisthal, von wo aus Otto Bauer am 3. März 1919 die Heimreise nach Wien antrat
Der Flugplatz Berlin-Johannisthal, von wo aus Otto Bauer am 3. März 1919 die Heimreise nach Wien antrat: "Deutsche Kriegsflugzeuge in Verwendung für Passagierflüge. Man beachte die Inschrift der Einsteigtreppe: Nur für Fluggäste", Foto: A. Groß, Berlin; © Allgemeine Automobilzeitung vom 3. August 1919

Am 3. März 1919 meldete die Arbeiter-Zeitung, dass der österreichische Staatssekretär des Äußeren Otto Bauer im Laufe des Tages in Wien zu erwarten sei. Er hatte sich zuvor mehrere Tage in Weimar und Berlin aufgehalten, um mit der deutschen Regierung und insbesondere mit dem deutschen Außenminister Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau die Modalitäten des Anschlusses Deutschösterreichs an Deutschland zu besprechen. Die Rückreise aus Berlin sollte sich schwieriger als erwartet gestalten:

"Staatssekretär Bauer, der von Weimar nach Berlin gereist ist, kann auf normale Weise nicht zurückkehren. Die Fahrt durch Böhmen ist infolge der Absperrung unmöglich und der Zugsverkehr in Deutschland ist wieder durch verschiedene Streiks unterbunden. Er wird also nach Wien mittelst Luftschiffs – mit einem 'Großflugzeug' der Hamburg-Amerika-Linie – gelangen. Man nimmt an, daß er heute eintrifft. Auf dem Rückweg kann das Flugzeug drei Fahrgäste mitnehmen."

Die beiden Außenminister Otto Bauer und Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau waren sich über den Zusammenschluss der beiden Länder grundsätzlich einig. Die Regierung des gemeinsamen Landes wäre zwar in Berlin geblieben, hätte aber auch Sitzungen in Wien abhalten müssen, wo auch einige für die Verwaltung des Landes wichtige Institutionen angesiedelt werden sollten. Wien wäre damit gewissermaßen die Rolle einer "Nebenhauptstadt" zugefallen. Der Großteil des von Bauer und Brockdorff-Rantzau paraphierten "Protokoll betreffend den Abschluß eines Staatsvertrages über den Zusammenschluß des Deutschen Reichs und Deutsch-Österreichs" betraf aber technische Details der Vereinheitlichung des Verkehrswesens (beispielsweise fuhren deutsche Autos seit 1910 rechts, in Österreich wurde erst 1938 flächendeckend von Links- auf Rechtsverkehr umgestellt), der diversen Industriestandards, des Bankwesens und ähnlichem mehr.

Als aber im Staatsvertrag von St. Germain die Unabhängigkeit Österreichs festgeschrieben wurde, war der "Anschluss" nicht mehr durchführbar, was Otto Bauer am 26. Juli 1919 zum Rücktritt als Außenminister veranlasste. Auch Brockdorff-Rantzau trat im Sommer 1919 zurück; allerdings aus Protest gegen die Bedingungen des Friedensvertrags von Versailles zwischen Deutschland und der Entente.

Link:
Rückkehr des Staatssekretärs Bauer (Arbeiter-Zeitung vom 3. März 1919)

2. März 1919

Wien am 2. März 1919: "Demonstration der Lehrlinge vor dem Wiener Rathause, welche die Aufhebung des Sonntag- und Abendunterrichtes fordern"
Wien am 2. März 1919: "Demonstration der Lehrlinge vor dem Wiener Rathause, welche die Aufhebung des Sonntag- und Abendunterrichtes fordern", Foto: Richard Hauffe; © Wiener Bilder vom 9. März 1919

Am Sonntag dem 2. März 1919 fand in Wien eine Großdemonstration von Lehrlingen statt, an der sich etwa 10.000 junge Demonstrantinnen und Demonstranten beteiligten. Von den vielen sozialpolitischen Forderungen war den Lehrlingen die Abschaffung des Sonntagsunterrichts und des Abendunterrichts in den Berufsschulen besonders wichtig. Die Wiener Bilder berichteten:

"Um neun Uhr früh begann der Aufmarsch. Auf den Tafeln und Standarten waren unter andern die Inschriften zu lesen: 'Wir sind die junge Garde des Proletariats, die Kadetten der Sozialdemokratie', 'acht Stunden Schlaf auch für den Lehrling', 'Nieder mit den Mördern unsrer Jugend, nieder mit den Lehrlingsschindern'. Von der großen Treppe des Rathauses hielten der Vorstand des Verbandes der jugendlichen Arbeiter Marianek und der Vorstand des verbandes der kommunistischen Proletarierjugend Arvin Grad mit stürmischen Zurufen aufgenommene Ansprachen, worauf eine Entschließung gefaßt wurde, welche unter anderem die Verkürzung der Lehrzeit auf die Höchstdauer von zwei Jahren, die Abschaffung des sogenannten 'Kostgeldes', die angemessene Entlohnung, steigend von Halb- zu Halbjahr, ferner die Durchführung der 14stündigen Arbeitswoche, die Gewährung eines vierwöchigen bezahlten Urlaubes, die Errichtung von Erholungsheimen sowie die Einführung von Fortbildungskursen an den Wochenvormittagen, das Verbot, Lehrlinge zu nichtsachlichen Arbeiten zu verwenden, die Straflosigkeit für alle am Streik beteiligten Gewerbeschüler und Rücknahme aller bereits verhängten Strafen fordert."

Eine Abordnung der Lehrlinge wurde von Albert Sever, dem stellvertretenden und später amtierenden Landeshauptmann des Landes Niederösterreich (zu dem die Stadt Wien damals noch gehörte), empfangen, der ihnen versprach, sich für ihre Anliegen einzusetzen. Tatsächlich wurde noch 1919 der 8 Stundentag flächendeckend eingeführt, ebenso die 44-Stundenwoche und der freie Samstagnachmittag. Arbeiterkammern wurden geschaffen, die erstmals Lehrlingsschutzstellen anboten. 1919 wurde mit dem Arbeiterurlaubsgesetz auch erstmals ein bezahlter Urlaub für Arbeiterinnen und Arbeiter eingeführt; Angestellte hatten bereits früher Anspruch auf bezahlten Urlaub. Die Lehrlingsentsschädigung wurde 1922 neu geregelt.

Link:
Eine Demonstration der Wiener Gewerbeschüler (Wiener Bilder vom 9. März 1919)